19. April, Donnerstag

Eröffnungsnacht des Film-Festivals.

Mein Arbeitstag startete gewöhnlich um 9 Uhr. Wir machten eine verlängerte Mittagspause und um 14 Uhr gings zum Kino Como, Chapel corner Toorak Street in South Yarra. Der Eröffnungsfilm dieses Abends war „Fenster zum Sommer“. Der Regisseur Hendrik Handloegten war zu Gast.

Im Kino selbst halfen wir, die mittlerweile 6 Praktikanten des Goethe-Instituts, letzte Vorbereitungen zu treffen. Übrigens arbeiten derzeit 5 Praktikanten in der Kulturabteilung unter der Leitung von Gabi Urban. Ich als einzige gehöre der BKD an.

Wir schmückten das Kino. Kurz vor sechs Uhr, schwangen sich fünf Madels in die Toilette des Kinos. Fertig machen! Abendschön! Leonie hatte mir am Abend zuvor ihr Dirndl gegeben – Premiere für mich. Erstmals in meinem Leben trage ich ein Dirndl und dann so weit entfernt von daheim. Ein witziges Gefühl. Ich wollte es erst nicht tragen, fühlte mich in etwas hineingepresst, aber Leonie und meine derzeitiger Couchsufer waren begeistert. Ich tanzte Polka mit meiner kleinen Verrückten durchs Haus.

Das Dirndl kam bei Gabi und unserer Institutsleiterin so gut an, dass sie spontan beschlossen, ich sei neben Nina (Praktikantin) zweites Blumenmädchen. Als Blumenmädchen hatten wir die reizende Aufgabe den Regisseuren – in meinem Fall Hendrik, in Ninas Fall Leander Haußmann die Blumensträuße zu übergeben. Beide Regisseure gaben sie gleich darauf wieder zu uns zurück – einfach ein wenig unpraktisch so ein Blumenstrauß auf einer Feier.

Den Film selbst konnten wir nicht sehen. Gabi bat uns draußen vor dem Kino zu warten, falls noch Aufgaben anfallen würden. „Wolltet ihr den Film etwa sehen“. Nein, natürlich nicht…

Es gab reichlich Bier und Bretzeln. Leider mussten wir die Bretzeln verteilen. Es blieb keine übrig. Dann kam Sara (weitere Praktikantin), wir verstanden, sie hätte noch eine Bretzel für uns. Freude macht sich breit, wir würden eine zu viert teilen. Beschlossene Sache. Sara fuhr uns dazwischen und meinte „nicht für euch, für Leander ist die Bretzel“. Ja freilich…

Wir nutzten die Zeit während des Kinofilms, uns schonmal mit Sekt zu betrinken.

, als die Leute endlich aus dem Kino strömten. Dann wurde das Tanzbein geschwungen! In meinem Dirndl ging das umso besser! Es lud mich förmlich zum Tanzen ein. Leider war ich anfangs noch die einzige, die sich tatsächlich zur Musik bewegte. Meine Chefin Evi fands prima, dachte sie, sie könnte mich erst piesacken, weil ich nicht tanzen würde, da hatte sie sich getäuscht – als sie kam, rockte ich bereits zu „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael…“.

Später gingen wir raus. Vor die Kinotüren. Viele Raucher unter den Praktikanten.

“. Er lieh sich Tabak von Christina, ließ die Hälfte zu Boden fallen und meinte er könne es sich leisten, er sei ja reich. Bei der Einführung in den Kinofilm hatte im Übrigen sein Handy geklingelt – seine Mutti war dran „Mutti ich bin gerad in Australien und spreche hier vor Leuten“.

Irgendwie und irgendwann beschlossen wir Richtung Chapelstreet zu ziehen – eine Bartour begann. Mit Evi! Evi bedankte sich immer wieder. Meinte es wäre großartig mit uns und so lustig, der Altersunterschied spiele keine Rolle. Ihr Freund sei immerhin schon 53 Jahre alt – ich bin übrigens die jüngste im Praktikanten-Bunde, mit meinen 22 Jahren.

Ich lernte noch einen netten Herrn vom Theater kennen, der mir seine Nummer gab und meinte, er könne mich kostenlos in Vorstellungen führen. Am nächsten Tag erzählte mir meine Kollegin, dass wir diese Theaterleute unterstützen und eh Freikarten bekämen. Immerhin bzw. „fair enough“.

Ich landete gegen vier oder fünf Uhr morgens bei Nina im Hostel. Es war eine lustige Nacht. Eine wunderbare Eröffnungsfeier! Gute Arbeit Mädels! Lange genug haben die Vorbereitungen gedauert…

20. April, Freitag

Schon um 9.15 Uhr standen Nina und ich wieder im Kino auf der Matte. Gute 3,5 Stunden Schlaf. Ich war tierisch im Eimer.

Die Hostelküche war überfüllt mit Menschen. Es gab kaum noch Essen. Also trocken Toast und ein wenig Tee. Dann stiegen wir in die Bahn und wie nicht anders zu erwarten, wurde ich erstmals in der Tram kontrolliert. Freilich hatte ich kein Ticket. Ich hatte meine Mykie-Karte nicht mal dabei, hatte ich doch mein Rucksack im Kino liegen lassen. Der Kontrolleur verlangte nach meinem Ausweis. Ich reichte ihm lediglich meinen Studentenausweis. Er konnte meinen Namen kaum lesen. Fragte nach meiner Adresse, die ich im pflichtbewusst gab (keine wahre Adresse). Er fragte Nina, ob sie diese verifizieren könne. Sie meinte, sie wüsse nicht wo ich wohne. Er fragte mich, ob ich jemanden anrufen könne, der meine Adresse bestätigen könnte „Nein“. Er fragte weiter, wo ich eingestiegen sei – ich wusste es nicht, es war nicht mal gelogen. Der Bahnfahrer half aus. Er fragte weiter, wohin ich gehen wolle: Wieder wusste ich es nicht, ungelogen. Ich hatte schon fast die Befürchtung ich würde eher wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit als wegen Nicht-Zahlung der Ticketgebühr bestraft werden. Letztlich ließ er uns gehen, ohne uns eine Strafe aufzudrücken. Er muss wohl eingesehen haben, dass die Lage aussichtslos ist… Hilfreich zeigte er uns noch den Weg zur nächsten Bahn und gab Auskunft.

An diesem Morgen kamen die Schulklassen, „Lessons of a Dream“ war unsere erste Filmvorführung. Ich und Nina hatten die Ehre in den mit jeweils etwa 150 Leuten besetzten Kinosälen die Einleitung zu geben.

Es ging dann von Kinoseite auch tatsächlich noch was schief: Das Kino behauptete die Eintrittskarten seien auf 11 Dollar und nicht, wie bei uns angegeben 10 Dollar, festgelegt worden. Schließlich legte Joanna für alle Schulen das Geld aus, um am Ende festzustellen, dass das Goethe-Institut im Recht war. Viel Wirbel um nichts. Und das am frühen Morgen!

Nach der Kindervorführung gingen Nina und ich ins Büro. Dort waren hohe Gäste geladen, die Praktikanten durften an der Veranstaltung freilich nicht teilnehmen. Aber sie versprachen uns ein reichliches Reste-Essen! Yummi! Es gab belegte Brote, Sushi. Sara bot mir dann O-Saft an, reichlich durstig griff ich zum Glas, nahm einen großen Schluck und musste feststellen: O-Saft mit Sekt, Sara lachte gehässig! Katertag…

Wir arbeiteten alle ein wenig oder taten jedenfalls so. Nina, ich und Markus saßen vorn im Büro, gackerten eifrig, bis schließlich Katharina, von der Sprachabteilung auch mal an dem Spaß teilhaben wollte. Wir verbrachten den gesamten Nachmittag dort und zogen dann halbwegs geschlossen um 17 Uhr zurück ins Kino. Abendvorstellung von „Men in the City 2“. 45 Minuten vor dem Film hieß es immer: Arbeit am Infostand.

Nina und ich schauten dann den Film und waren überrascht: Die Australier bekamen sich vor lauter Lachen gar nicht mehr ein. Der Film war hier ausverkauft und ein riesen Hit. Tja entweder die waren alle betrunken oder sie fanden den Film wirklich amüsant. Er war gut, keine Frage, aber so witzig. Ihr hättet das Gelächter hören müssen! Ich denke aber, dass wir Deutschen auch kritischer mit eigenen Filmen umgehen, als mit ausländischen. Deutsche sind ja eh für ihre Meckerzyklen bekannt… Warum lachen, wenn man auch meckern kann!? Scherz.

Nach dem Film waren Nina und ich völlig kaputt. Es ging aber weiter zum anderen Kino im CBD. Filmplakate mussten abgegeben werden zum unterzeichnen. Gabi, die Praktikantinnen und Leander waren eingetroffen. Leander gab Q&A zu seinem Film „Robert Zimmermann…wunder sich über die Liebe“. Bereits hier ließ sich das große Talent Leander Haußmanns erkennen. Er brachte das Publikum mit seinem halbdeutsch-halb englischen Sätzen zum Lachen. Hatte wunderbare Kommentare zu seinem Film auf den Lippen, war ehrlich, direkt. Erzählte von den Magersuchtsproblemen der Hauptdarstellerin, meinte, er selbst hätte von einer anderen Dame darauf hingewiesen werden müssen. Außerdem sagte er, mehr als einen Film über die Liebe einer alten Frau zu einem Jungen machen wollte – er wüsste nicht, ob es ihm tatsächlich gelungen sei.

Danach wollte Leander feiern gehen. Also gings in die Stadt. Erstmal mussten wir einen halbwegs leeren Pub finden. Letztlich landeten wir in der Section 8.

Spontan entschieden wir uns weiterzuziehen. Der nächste Anlaufspunkt war die Workshop-Bar.

. Leander gab uns Bier aus und Tequilla. Ein Engländer, der sich an unseren Tisch gesellte, war leider zu aufdringlich. Mobste Leander den Hut, was dieser hasste. Der Regisseur blieb aber ruhig. Gegen ein oder zwei Uhr nahmen wir ein Taxi Richtung Innenstadt.Ich wollte eigentlich Swanston Street aussteigen, bemerkte aber dann, dass der gute Herr nicht wusste, wo sich genau sein Hotel befand. Taxifahrer in Australien haben übrigens selten eine Ahnung, wohin sie fahren müssen… Ich ließ mir sein Notizbuch geben, in das Gabi die Adresse geschrieben hatte – Leander wohnte nicht in der Innenstadt, er wohnte in South Yarra. Christina und ich, die im Taxi saßen, wollten, gegen seinen Willen, sicherstellen, dass er im Hotel ankommt. Ich meinte, ich müsse noch über eine Stunde nach Hause fahren. Da lud er uns ein, bei sich auf der Hotelcouch zu schlafen. Wir nahmen noch ein Bier und ließen und schließlich auf seiner Couch nieder. Mittlerweile war es sicher wieder gegen drei oder vier Uhr früh.

21. April, Samstag

Am nächsten Morgen gings wieder früh raus. Gegen 10 Uhr. Früh im Sinne von „nach wenigen Stunden Schlaf“. Leander besorgte uns Kaffee. Christina und ich machten uns frisch. Wollten noch vor Gabis Ankunft aus dem Hotel verschwunden sein, befürchtete Christina doch den Anschiss ihres Lebens zu bekommen. Wir machten uns also auf den Weg. Unten an der Rezeption aber dann die Überraschung: Gabi war bereits eingetroffen und hatte Leander am Apperat. Christinas erste Reaktion war: Verstecken. Ich blieb stehen. Sie fragte mich „Was machen wir denn jetzt?“ „Hallo sagen?!“. Gabi sah uns und lachte sich kaputt. Wir erzählten ihr vom Ausklang des vorherigen Abends. Sie nahm es uns nicht übel. Freute sich sogar.

Sie lud uns direkt ein mit zum Radio zu kommen. Leander und eine weitere Regisseruin, Alice Gruia von „Rodicas“, wurden interviewt. Ein nettes Interview geführt von Peter Krausz. Wieder erfuhr man einiges über Leander: Die Musik in „Sonnenallee“ sei größtenteils von Cover-Bands, da die eigentlichen Bands kein Copy-Right rausgeben wollten. Während des Interviews trank ich den zweiten Kaffee dieses Tages.

Danach gings – nein nicht nach Hause. Das wäre ja langweilig. Mit dem Riesenkater und der Müdigkeit der letzten zwei Tage ging es – natürlich ins Stadion zum Australian Football. Ich hatte schon vor zwei Wochen Karten mit Freunden für das Spiel Essedon vs. Carlton gekauft. 35 Dollar wollte ich dann nicht  zum Fenster rausgeworfen haben. Außerdem genoss ich eine Pause und Abwechslung von den vielen Deutschen, meinen Arbeitskollegen. Auf Dauer wird das doch anstrengend. Also traf ich mich 12:30 Uhr Flinders Street mit Janneke, Mike, Dylan und Ashley. Vor dem Stadion trafen wir noch auf Amandine. Als wir kurze Zeit im Schatten vor dem Stadion auf Amandine warteten, legte ich mich hin und versuchte fünf Minuten Schlaf zu ergattern. Amandine traf ein und meinte nur „You look disgusting“. Danke!

Das Spiel fing 13:45 Uhr an. Mike und ich waren für Carlton – ich aus dem einfachsten Grund: Sie produzieren mein Bier. Janneke und Amandine waren für Essedon: Das hübschere Team. 73.000 Menschen im Stadion. Die Stimmung war gut und erstaunlicherweise auch das Spiel, jedenfalls halbwegs. Es gab, wie immer, vier Quarter. Jeweils eine halbe Stunde. Das Spiel dauerte insgesamt bis kurz nach 16 Uhr an. Zwischendurch fragte ich natürlich: In welcher Hälfte sind wir mittlerweile (sind natürlich Quarter). Ansonsten verlor Carlton haushoch. 79 zu 102 oder so. Bin mir nicht mehr sicher. Komischerweise wurde Essedon mit zunehmendem Vorsprung kämpferischer. Die Fans im Stadion gaben ihr bestes, sangen, klatschten – Jubel! Ich schaffte es sogar, während des Spiels nicht einzuschlafen. War dann doch zu aufregend und die Menschen drumherum zu laut. Dylan, weiterer Veganer, versorgte uns mit Nüssen und Keksen. Er hat immer reichlich zu futtern dabei.

Nach dem Spiel wollte ich nach Hause. Wenigstens mal eine Stunde schlafen und duschen. Ich quetschte mich also in die von Footy-Fans überfüllte Bahn und machte mich auf meinen Weg nach „Mentone“. An der Haustür angekommen, stellte ich fest „keiner Daheim“. Ich wollte meinen Schlüssel herauskramen, da fiel mir ein, dass ich diesen meinem letzten Couchsurfer überlassen hatte – also lag der Schlüssel nun in der Wohnung. Ich rief Leonie an, die riet mir nur, über die hinteren Gartenzäune zu klettern, mein Zimmerfenster wäre offen, ich könnte durchkrabbeln. Gesagt, getan. Ich quetschte mich durch den ersten Zaun und überwältigte zwei weitere. Schließlich krabbelte ich durchs Fenster und öffnete die Fronttür. Endlich drin! Die Aktion hatte mich zu viel Zeit gekostet. Ich hatte nur noch Zeit für eine Dusche und für einen kleinen Snack. Dann gings wieder zur Arbeit: Das Kino wartete.

An diesem Abend lief Hotel Lux. Ich hatte den Infostand vor Filmbeginn zu überwachen. Leonie und Moritz kamen vorbei, um sich den Film anzusehen.

Die Q&As liefen ganz gut. Leander beklagte sich etwas zu viel über das Internet und die verheerenden Auswirkungen auf das Filmgeschäft. Meinte, kein Film sei gut gelaufen in den Deutschen Kinos im letzten Jahr. Meinte außerdem die Leute meinen, sie hätten genug zu diesem Thema gesehen und wüssten alles. Außerdem kam die Frage auf, ob nicht auch er demnächst auf 3D-Filme umsteigen würde – die kann man schließlich nicht im Internet runterladen und zu Hause anschauen. Er meinte daraufhin, er hätte sich einen 3D-TV geholt und fände es Schrott. Er meinte, es gäbe mittlerweile Statistiken, die belegen, dass keiner an 3D interessiert sei. Nicht mal kleine Kinder! Die sind eher themenfixiert. Und: Wenn man mit seinem Date zum ersten Mal ausgeht und sich so einen Kinofilm raussucht – wie bescheuert sieht das dann aus mit der Brille? Dreht man sich dann um und nimmt die Brille vorher ab? Oder lässt man sie auf und sieht bescheuert aus? Beim Kuss?

An diesem Abend ging ich mit Nina in einen anderen Irish Pub, trafen dort auf Mike und Freunde. Ich nahm nur Tee. War etwas angeschlagen von den letzten Tagen. Schließlich gingen Mike und ich noch ins Casino zum Essen, trafen dort zufällig auf weitere bekannte Gesichter. Wir spazierten zur Flinders Street Station zurück und ich erkundigte mich nach der Uhrzeit „Halb vier“. Ich fiel aus allen Wolken. Mein Zeitgefühl war komplett verloren, hatte ich doch tatsächlich angenommen, es wäre gegen ein Uhr. Ich schnappte also den vier Uhr Bus Richtung Frankston. Wieder ein Genuss. Wie immer. Ein Mädel am Schlafen, eins mit einem Mülleimer vor dem Gesicht… Ein Kerl stupste mich ständig an, sprach schließlich mit mir. Meine Ignoranz-Versuche blieben unbeachtet, ums anders zu sagen: ignoriert. Ich verpasste freilich meine Busstation. Lief zum Fahrer bat ihn an der Seite zu halten. Lief zu meiner eigentlich Station zurück und natürlich: Hagelregen. Plötzlich war ich platschnass. Ich bog eine Straße zu früh ein, verlief mich und war schon kurz davor mich in irgendeine Garage zu legen. Ich rannte weiter und gegen fünf Uhr hatte auch ich es ins Bett geschafft. Augen zu!

22. April, Sonntag

Ich wachte gegen um 13 Uhr auf und machte mich direkt fertig fürs Kino. Infostand im Kino Kino betreuen.

Zunächst fuhr ich also ins Kino Kino im CBD – „A family of three“.

Danach sollte „Rodicas“ von Gruia laufen, zu wenig Karten waren verkauft. 12 an der Zahl. Zwei Stunden vorher machte die Leiterin der Kulturabteilung Dampf: Ladet jeden ein, den ihr kennt! Letztlich bekamen wir noch etwa 50 Leute zusammen. Gruia war bei der Vorführung und gab Q&A. Eine Dokumentation über zwei alte Damen, eine ihre Großmutter, namens Rodica und deren beste Freundin, ebenfalls „Rodica“. Eine herrliche Doku! Viel gelacht, sehr sentimental und anrührend. Die beste Freundin ist leider im vergangenem Jahr gestorben und hat den Film nie zu sehen bekommen. Die Großmutter wird ihn am Sonntag zum ersten Mal in Sydney sehen. Der Film wurde im Übrigen in Sydney gedreht. Es ist das Erstwerk von Gruia. Es werden sicher weitere Werke folgen. Auch sie hat eine Schauspielausbildung gemacht, findet es aber hart, stets auf neue Aufträge zu warten. Als Regisseurin hat man eher die Kontrolle. Leander meinte dazu nur, dass man sich entscheiden muss, ob man lieber vor oder hinter der Kamera steht, wenn man sich einmal fürs Filmen entschieden hat, wird man nicht zurückkehren können bzw. wird man keinen guten Job als Schauspieler mehr machen können. Er kenne nur seltene Ausnahmen. Sie hofft, sie sei eine Ausnahme. Wir werden sehen…

Dann gings zum Infostand vor der Vorführung „Combat Girls“ ins Como Kino um 20:15 Uhr. Ich hatte Janneke und Mike hinzu geladen. Combat Girls „Kriegerin“ ist ein Film über ein Mädchen aus der Rechten Szene, sie möchte die Nazi-Szene verlassen. Der Film spielt in Deutschland. Nach der Vorführung gab es noch eine Q&A, zu der ich nicht mehr bleiben wollte. Ich überließ das Geschnatter Janneke und Mike. Ich zog mit meinen Praktikanten-Mädels und den zwei Regisseuren los. Es ging in einen nahegelegenen Irish-Pub.  Endlich lernte ich auch mal Hendrik Handloegten kennen. Ein äußerst trocken-humorischer Mensch. Herrlich! Ich darf etwas gerührt berichten, dass die Herren mich doch sehr amüsant fanden und damit begannen, meine Sätze niederschreiben zu wollen J. Sie meinten, sie würden sich in uns Mädels verlieben. Tja wir sind ne spitzen Truppe oder die einfach schon zu angetrunken. Wer weiß es wohl? Erstmals seit Jahren sprach ich mal wieder über meine Prüfung an der Theaterschule und über die Schauspielerei als Beruf. Meine Vergangenheit kommt mir wirklich vergangen vor, wenn dieser Satz Sinn macht…

Als Gabi, die Chefin der Kultur, gegen zwölf Uhr kam, wollten wir eigentlich aufbrechen. Die Jungs und unsere Chefin überredeten uns zu bleiben. Zwei weitere Runden Bier wurden ausgegeben. Ein gemütlicher und vor allem witziger Abend! Leider werde ich Hendriks Film „Fenster zum Sommer“ nicht mehr zu Gesicht bekommen, es war der Film der Eröffnungsnacht. Ich beichtete ihm, seinen Film nicht gesehen zu haben, weil wir Aufgaben während der Eröffnungsnacht zu erledigen hatten. Er war etwas verwundert – wie wir damals. Ich werde dem Film in Deutschland aber eine weitere Chance geben!

Ich übernachtete in dieser Nacht wieder bei Nina im Hostel. Bettchen teilen!

24. April, Montag

Früh gings raus. Die Büroarbeit rief. Um kurz vor neun kam ich im Büro an. Stand natürlich vor verschlossenen Türen. Die erste Mitarbeiterin kam um neun Uhr.

Hugh, unser einziger australischer Mitarbeiter und Rezeptionist, rief kurz vor zehn Uhr an, er käme an diesem Tag nicht, er sei krank. Ich verschickte die Mail an alle GI-Mitarbeiter und hörte Katharina aus der Sprachenabteilung nur schreien „Das macht der jedes Jahr. Ich glaubs ja nicht“. Jedes Mal um Feiertage (am Mittwoch ist ANZAC Day) macht er das! Ich musste ihr recht geben, zu Ostern war er bereits krank… Er klang nicht krank am Telefon.

Ich hatte also den ganzen Tag vorn am Empfang zu sitzen. Nicht schlimm. Ich war nicht zu viel Arbeit fähig. Kümmerte mich um Copy-Rights für Aufgaben der Posterausstellung, bereitete den Sektempfang am Abend vor und begrüßte zwei ehemalige Praktikanten. Kleinere Tätigkeiten. Am Nachmittag kamen dann noch zwei junge Herren in Zunftskleidung vorbei – lieferten ihren Spruch ab und bekamen dankbar Freikarten für die Filmvorführung am Abend.

Am Abend lief „Sonnenallee“. Ich lud erneut Mike ein, der dankbar zum Kino kam. Heute mal ein „ernster“ Film!  Im Anschluss genossen wir noch ein ausgiebiges Mahl: Knoblauchbrot als Vorspeise, Pizza und Salat zum Nachtisch! Dazu reichlich Tee. Er lud mich ein, als Dank für die Kinovorführungen. Ich erklärte ihm noch ein paar Insiderwitze der Filme – er hatte den Großteil der Witze nicht verstanden/verstehen können. Gegen 22 Uhr bekam ich gerade noch meine Bahn nach Frankston. Den nächsten Tag hatte ich mir spontan frei genommen. Ich musste mal ausschlafen!

An diesem Abend fuhr im Übrigen Hendrik, der Regisseur, ab. Er beschwerte sich noch, nicht wie Leander Businessclass fliegen zu können. Beim nächsten Mal dann…

25. April, Dienstag

Um neun Uhr läutete mein Telefon: Die Arbeit am Apparat, sie brauchten Passwörter! Hervorragend. War ich also wach. Ich machte mir einen ruhigen Morgen. Eigentlich sollte ich um 12:30 Uhr in der Stadt an einer Schule arbeiten, ich verschob meine erste Schicht auf Donnerstag.

Am Nachmittag machte ich mich auf ins Büro. Holte meine Kolleginnen ab und machte mich mit ihnen auf den Weg ins Kino Como. Erstmal brauchte ich festes Schuhwerk – Dauerregen und ich hatte mein einziges Paar geschlossener Schuhe im Kino stehen. Dann begleitete mich Nina zum CS-Treffen. Ich hatte an diesem Tag nur Kekse und Cracker gegessen, nach nur wenigen Bieren war ich betrunken.

Meine Evi bat mich aber, ins Kino zur „Hotel Lux“ Vorführung zu kommen, um sicher zu stellen, dass das Licht (wie bei der vorherigen Veranstaltung) nicht vor Filmende (nach Abspann letzter Witz) anginge. Das brachte Leander beim letzten Mal ein wenig in Rage. Außerdem sollte ich Beistand aus erster Reihe leisten. Hatte ich doch dafür gesorgt, dass sie diesen Job macht/machen muss – hatte sie bei einer MAB vorgeschlagen.

Also machte ich mich angetrunken – Leonie wollte mich schon nicht mehr gehen lassen, andere lachten nur, weil ich kein Geld bezahlt bekomme – auf den Weg ins Kino Kino im CDB. Ich sprach auf den Filmvorführer ein, der tatsächlich nicht das Licht vor Abspann-Ende einschaltete

Am Abend erhielt ich noch ein merkwürdiges, ich nenns mal, Kompliment „Mich würde interessieren, welchen Typen du mal bekommst; Nein anders: welchen Typen du dir mal nimmst“ (Leander). Als ich dies meiner Kollegin erzählte, stimmte sie nur zu. Gut, gut.

Nach der Vorführung und den gut laufenden Q&As gings ins „Supper In“ in der Spring Street. Ziemlich fancy. Ein Bier bekamen wir spendiert. König Pilsner. Ewig nicht getrunken.

Ich zog allein weiter zum Geburtstag meiner Freundin Janneke. 25 wurde die Gute. Gegen um drei Uhr früh stieß ich zur „K-Box“ Karaoke Bar dazu. Die kleine Truppe war schon gut angetütert und ordentlich am Feiern. Wir wollten zu weiteren Pubs ziehen, jedoch hatte alles geschlossen. Also gings zu Mike in die Wohnung. Er lebte im 24. Stock – großartige Sicht auf die Stadt. Ich ließ mich auf einem Stuhl nieder und starrte aus dem Fenster. Letztlich bekamen wir 1,5 Stunden Schlaf (3 Mädels – Rachel, Janneke und ich) im Bett, bevor wir uns zur ANZAC-Day Zeremonie aufmachten.

ZU ANZAC-Day: „Der ANZAC Day (Akronym für Australian and New Zealand Army Corps) am 25. April ist ein Nationalfeiertag in Australien, Neuseeland und Tonga. Der 25. April 1915 ist der Jahrestag der ersten Militäraktion von australischen und neuseeländischen Truppen sowie Soldaten aus Tonga im Ersten Weltkrieg – der Landung auf Gallipoli (Türkei). Die Schlacht von Gallipoli führte zu erheblichen Verlusten unter den australischen, neuseeländischen und tongaischen Soldaten, die in einer Streitmacht geführt wurden.“

Bei strömendem Regen machten wir uns auf Richtung St.Kilda Road, wo die Zeremonie stattfinden sollte. Wir hatten eine Decke um uns viere geschnallt. Irgendwer meinte doch tatsächlich, es könne anfangen zu schneien. Da musste ich dann doch auflachen: Es fühlte sich zwar bitterkalt an, aber es waren mit Sicherheit über 10 Grad. Herrlich!

Ich konnte kaum meine Augen aufhalten während der Zeremonie. Eher motorisch ging ich zur Flinders Street zurück. Kurz vor Mentone wachte ich auf. Noch immer klitschnass. Um 8 Uhr kam ich daheim an und wollte nur ins Bett: Doch Überraschung, da lag schon jemand. Leonies bester Freund hatte es sich bei mir gemütlich gemacht. Es tat mir wirklich leid, aber an diesem Tag brauchte ich mein Bett. Er bat von selbst an, mein Bett zu verlassen und auf der Couch weiter zu schlafen. Ich war dankbar. Wenigstens war das Bett schon angewärmt.

Dies war also der letzte Tag mit den Regisseuren. Auch Leander ist nun weg. Er rief am Donnerstag nochmals an: Wir sollen nicht weinen, er vermisse uns auch.

Es wird mal wieder Zeit für einen Blogeintrag!

Melbourne – Goethe-Institut:

Zur Einstimmung in die neu-/wiedergewonnene Fähigkeit des tatsächlichen „Denkens“:

 

Freiheit im Quadrat

Ich malte über den Blockrand

und schlug über die Stränge.

Ich war umgeben von Grenzen

und sprengte die Enge.

Dann fand ich meine Freiheit im Quadrat,

Dann fand ich Vielfalt im Standardformat.

Man will ja keine Freiheit,

man will ja Sicherheit.

Man will bloss etwas Spielraum,

in dem bisschen Freiheit bleibt.

Ich hatte Multitalentose

und litt an Nonkonformie.

Ich hatte Vielseitingitis

und ne Normalallergie.

Dann fand ich meine Freiheit im Quadrat.

Dann fand ich Vielfalt im Standardformat.

Man will ja keine Vielfalt,

man will ja, was man kennt.

Man will bloss etwas Abwechslung,

die man dann Vielfalt nennt.

Aus: Böttcher, Bas (2009): Die Poetry-Slam-Ex

Ich arbeite seit 6. Februar 2012 im Goethe-Institut in der Abteilung „Bildungskooperation Deutsch“. Meine Aufgaben: Artikel korrigieren und schreiben (dt., engl.). Eine Führung durch unsere „Märchenposterausstellung“ (anlässlich des 200 Jährigen Jubiläums der Gebrüder Grimm Märchenbücher) – die Führung beträgt insgesamt 1,5 Stunden (20 Min. Führung und dann über eine Stunde Aktivitäten, die den Klassen die deutsche Sprache spielerisch näher bringen). Ich bin sowohl für die Texte der Führung als auch für die Aufgaben selbst verantwortlich. Alles jeweils auf deutsch und auf englisch (je nach Klassenstufe). Ich mache hin und wieder Examsaufsicht – komischerweise kribbelts da bei mir mittlerweile, ich mag auch mal wieder eine Klausur schreiben. Ich weiß, ich tick nicht ganz recht… Ich finde es erstaunlich, wie viele Menschen hier deutsch lernen oder lernen wollen. Ansonsten katalogisiere ich haufenweise Bücher, beschäftige mich mit dem kommendem „German Film Festival“ – schreibe Filmbeschreibungen, sammle Lehrmaterialien, werde später selbst dabei aushelfen. Ich freue mich im Besonderen, dass wir „Der ganz große Traum“ im Repertoire haben. Außerdem ein Film mit dem Herrn Max Riemelt – leider wird er selbst nicht kommen, ihn 1,5 Stunden auf der Leinwand zu sehen, wird mir aber reichen. Meine Großaufgabe momentan war außerdem die Umstrukturierung der Bibliothek! Meine eigentliche Aufgabe war es, etwa 100 Bücher zu katalogisieren. Beim Katalogisieren fiel mir allerdings auf, dass das System der Bibliothek, nicht das Beste ist. Beispielsweise bemängelte ich, dass Bücher zu Musik oder zum Thema Landeskunde nicht beieinander standen. Joanna holte dann einen Ordner hervor, deutet auf Listen und meinte „Eigentlich gibt es ein System, aber wir nutzen es nicht. Das sind die Vorgaben des Goethe-Instituts in Deutschland, nach den wir uns zu richten hätten“. Ich betrachtete die Listen und machte den Vorschlag „Ich katalogisiere alle Bücher neu, so wie es in den Listen steht“. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, welcher Aufgabe ich mich da gewidmet hatte. Etwa 2000 Bücher mussten neu zugeordnet und belabelt werden. Insgesamt hat mich diese Aufgabe sicher zwei Arbeitswochen gekostet. Die Chefin des Instituts war aber sehr angetan und begeistert von meiner Detail“sicht“. Ich habe mittlerweile nur noch wenige CDs und kleine Bücher umzukatalogisieren, vielleicht lasse ich ein wenig für die nächste Praktikantin, die ich einzuarbeiten habe, übrig. Sie wird mich sicher von Beginn an lieben…

Insgesamt aber ich 35 Stunden die Woche, regulär. Ab und an gibt’s Konferenzen oder Arbeitssituationen, die es erfordern, Überstunden zu machen. Jeden Tag von 9 bis 17 Uhr (halbe Stunde Mittagspäuschen), freitags von 9 bis 13:30 Uhr.

Das Team ist wunderbar, alle duzen sich – schon beim Vorstellungsgespräch wurde mir meine Chefin mit „Joanna“ vorgestellt.

Das Büro ist freilich klimatisiert, meist sitze ich im Pulli vor dem PC, wenn man dann Feierabend hat, rennt man gegen eine Hitzewand! Aber jetzt wird’s ja Winter, nur noch 20 Grad und weniger… Brrrr! Kälte!

Was ich besonders liebe: Ich konnte mich bisher mit allen Problemen und Belangen an Joanna wenden. Sie hat immer ein offenes Ohr und Verständnis. Ein wirklich liebenswerte Person, für die ich gerne arbeite! Meine andere „Chefin“ ist Evi – sie teilt sämtliche Lebensgeschichten mit mir und ich mit ihr. Sie meinte vor kurzem, sie hätte das Gefühl, ich sei in ihrem Alter. Es liegt an ihrem wirbligen, munteren Wesen. Wenn sie ihren 14-jährigen Sohn anruft, würgt der sie stets ab. Da beklagte sie sich doch letztens tatsächlich bei mir, ich nur „Wenn du mich nur immer anrufen würdest, um mich an meine Hausaufgaben zu erinnern, dann würde ich dich auch abwürgen“.

Meine Joanna bringt mir außerdem Brot mit, einmal Sushi, ab und an Tee. Außerdem hat sie mir CDs geschenkt…

Ich liebe meine Chefinnen! Die Arbeit wäre perfekt, wenn ich dafür auch noch Geld bekommen würde. Aber wer braucht schon perfekt?

Confest  6. April – 9.April 2012

Wikipedia beschreibt den Begriff “Confest” als alternatives “Busch- campout Festival“. Das Wort „Confest“ selbst setzt sich dabei aus den Wörtern „Conference“ und „Festival“ zusammen.

Dies ist die offizielle Confest Webseite: http://www.dte.org.au/  !

Also, fangen wir bei der Planung an. Das Confest steht bei mir schon seit geraumer Zeit weit oben auf der imaginären Australien-to-Do-Liste. Etwa fünf Stunden dauert es von Melbourne mit dem Auto zu dem abgelegenen River-Camp. Letzte Woche sprach ich, glücklich da mittlerweile einen Lift zum Festival gefunden, mit Freunden über das Fest – und plötzlich kam jemand mit der Neuigkeit: Das Festival wird wegen Überflutung eventuell nicht stattfinden. Weitere Informationen würden folgen. Am Montag darauf gabs dann die Info: Das Fest findet statt, das Wasser sei gewichen. Ich war dennoch ein wenig skeptisch, schließlich wollte ich mein Zelt nicht in Schlammmassen aufbauen – zumal, ein weiteres fehlendes Detail, ich kein Zelt hatte.

Ich war kurz davor in die Grampians aufzubrechen, als mir meine französische Freundin Amadine, die Nachricht schickte „Ich gehe zum Confest. KOMM MIT!“. Ich war dabei meinem Lift abzusagen, der dann argumentierte „Du kommst mit zum Confest, sollte es dir wirklich nicht gefallen, fahre ich mit dir nächste Woche in die Grampians“. Meine Mitbewohnerin Leonie und ihr nicht-Freund-oder-doch-Freund Moritz fuhren ebenfalls zum Confest. Ich ließ mich letztlich also überzeugen – Confest ahoi!

Am Donnerstagabend traf ich mich noch mit Amadine und weiteren Leuten auf ein Bier. Ich fragte sie, ob sie denn schon für das Wochenende eingekauft hätte „Freilich, morgen sei ja Good Friday und alle Läden geschlossen“. Um 22 Uhr hetzte ich also noch schnell zu Coles und erledigte innerhalb von 15 Minuten meinen Wochenendeinkauf. Danach endlich das wohlverdiente Bier! (Immer im Kopf behalten: Während des letzten Festivals litt ich an Nahrungsmangel, die gleichen Fehler sollten ja nicht nochmal passiere… Lernfähigkeit nennt sich das wohl.)

Amandine musste noch arbeiten, meine Arbeitskollegin Christina war müde, also blieben Dan (Australier) und ich übrig. Wir beschlossen noch ein gemeinsames Bier zu nehmen, als wir um 24 Uhr schließlich vor die Tür gesetzt wurden. Wir endeten in einer kleinen Nebengasse vor dem Pub (Trinken in der Öffentlichkeit ist hier verboten, daher hieß es, das Bier aus dem Pub in einem Hinterhof leeren). Schließlich fragte mich Dan, wie ich denn nach Hause käme. Ich meinte, völlig realitätsfern, mit der Bahn bzw. den Nachtbussen. Er lachte nur. Melbourne kurz vor eins. Keine Chance. Ich hatte komplett vergessen, dass es ein normaler Wochentag war! Keine Bahn, kein Bus. Das hasse ich in Melbourne! (Nochmals zur Erinnerung: In der letzten Nacht vor dem Musikfest hatte ich ebenfalls kein Bett). Dan, mein persönlicher Held an diesem Abend, bezahlte ein Taxi zu seinem Daheim – obwohl er mit Fahrrad und ohne mich weitaus mobiler war – und fuhr mich von dort aus letztlich zu mir nach Hause. Gegen drei Uhr hatte ich es endlich ins gute, alte Mentone geschafft. Die Taxis an diesem Abend waren m Übrigens sehr schwer zu ergattern. Gepackt hatte ich freilich noch nicht!

Am nächsten Morgen gings um 8 Uhr raus. Sachen packen: Schlafsack, gemütliche Hosen, Kleid und eine zusätzliche Decke.

Pünktlich um 10.30 Uhr kam ich Flinders Street Station an, gönnte mir noch einen veganen Burger und ließ mich von meinem Lift, David – Australier, abholen. Wir machten uns zu ihm in die Wohnung. Dort warteten wir noch etwa 1,5 Stunden auf die verspätete Maja, ebenfalls Deutsche. Übrigens war keiner von uns wirklich verwundert, so spät aufzubrechen. Irgendwie plant man das schon indirekt mit ein… Amadine wurde noch von ihrem Gartenhäuschen in Cliffton Hill abgeholt und schon ging die Reise los. Unterwegs gönnten wir Mädels uns noch ein Ben&Jerrys Eis.

Amandine erheiterte mich mit der Nachricht, dass sie ein Zelt habe! Für ein Dach war also auch gesorgt.

Gegen 17 Uhr kamen wir auf dem Festivalgelände an. 80 Dollar Eintritt. Wir machten uns auf die Suche nach dem Couchsurfing-Campplatz und wurden schnell fündig. Leonie und Moritz waren bereits da, sowie Jay (Chicago-Jay). Bevor Amandine und ich unser Zelt entpackten, kam ein weiterer Überraschungsgast: Plötzlich stieg Bier-Brauer Harvey aus dem Auto, einer meiner Hosts in Melbourne aus dem Dezember letzten Jahres! Ich sprang im freudig in die Arme, meinte, ich lebe nun mit Leonie zusammen – sprang ihr um den Hals und plötzlich rannte Harvey auf uns zu – „Gruppenumarmung“, irgendwie endeten wir uns umarmend auf dem Boden rollend.

Das Wetter war gut, es sah nach Regen aus – dieser kam jedoch nie. Amandine und ich machten uns an den Zeltaufbau. Wir stellten fest: Wir hatten ein Palast von Zelt. Es war ein 5-Mann-Zelt. Übrigens meinte Amandine zu mir „Ich wusste, du bist wie ich und würdest daher eher kein Zelt haben“. Recht hatte sie! Ich durfte meine guten Zelt-Aufbau-Kenntnisse unter Beweis stellen. Kurze Zeit später stand der Palast und wir luden jeden, der noch Zweifel über seinen Verbleib hatte, ein, bei uns zu schlafen.

Erster Stopp war in der „Bliss“-Kitchen. Eine Gesellschaftsküche – gegen freiwillige Arbeit (Abwasch…) oder Essenszutaten gibt’s eine kostenlose Mahlzeit.

Unser erster Workshop war eine jüdische Zeremonie. Es war herrlich! Es wurde zusammen gesungen, gebetet, heimische Spezialitäten geteilt und Wein getrunken. Ein kleines Schauspiel wurde veranstaltet, an dem wir alle teilnehmen konnten. Leider haben wir manchmal nicht ganz mitbekommen, worum es in den jeweiligen Gebeten/Gesängen eigentlich geht. Es wehte ein hefitger Wind, plötzlich wurde eine Zeltstange umgeweht, flog auf den Kopf einer der Workshopteilnehmer. Ein kleiner Trubel brach aus. Wir hatten Rahil, Iranerin und Doktor, dabei und baten sie, sich um die Verletzte zu kümmern. Und so startete für uns das Fest: Eine Iranerin verarztet eine Jüdin bei einer jüdischen Zermonie und im Anschluss gibt’s Applaus für die liebevolle Hilfe.

Den ersten Abend verbrachten Amandine, Lena und ich größtenteils in der „Silent Disko“ – Disko mit Musik aus Kopfhörern, 3 verschiedene DJ’s. Viele 90er Jahre Lieder! Irrsinniger Spaß, irgendwann entwickelte sich sogar eine Polonaise. Zwei unserer Mit-Camper hatten sich schon am ersten Abend gefunden, weshalb wir Lena spontan zu uns einluden. Rahil war in der ersten Nacht auch mit im Mädelszelt. Es wurde also kuschlig. Hier ein privates Detail: Amandine und ich putzten zusammen Zähne, selten so einen Ausdruck beim Zähneputzen gesehen! Es war ein Tanz mit den Händen bei Amandine. Ich werde an meinem Stil trainieren!

07 April, Samstag

Der Tag begann verhältnismäßig früh. Gegen acht. Keiner hatte auf dem Gelände eine Uhr, normalerweise bedienen sich die meisten Menschen heutzutage ihrer Handys, da es dort auch keinen Empfang gibt, schleppt die Dinger aber auch keiner umher. Ich habe zwar meine Armbanduhr, die trage ich mittlerweile auch nur noch aus Hertha-Fan-Support Gründen, die Batterie ist leer.

Ich schlug, ich glaube, dass ist sogar eine typische deutsche Sache, gemeinsames Frühstück in der Community-Area vor. Die Community Area war übrigens nur ein Zeltboden. Ich fand die Idee dennoch nett und irgendwie versammelte sich das gesamte CS-Camp, also etwa 15 Leute auf dem kleinen Bodenteil. Essen wurde geteilt – Ostereier verteilt.

Dann machten wir uns auf die Suche zum ersten Workshop. Wir konnten unseren favorisierten nicht finden, liefen aber an einer Haufen lachender Menschen vorbei. Ein Lachworkshop. Spontan entschieden Amandine und ich mitzumachen. Und es wurde lustig! Der Kerl, der den Workshop leitete, heißt Fraser. Er fing mit einer Einwärm-Übung an. Dann gabs die „Laugh-Creme“ zum Auftragen gegen die starke Sonnenstrahlung, später ein Getränk – mit Awesomeness, Lachen, ein wenig „Süß“…  Eben alles, was man so braucht. Wir kringelten uns auf dem Boden vor Lachen. Wir bildeten Lachzirkel. Ich war so erschöpft. Eine Stunde lachen! Ich konnte nicht mehr… Es war die Freude pur. Tja und wie sagt man so schön: Selten so gelacht. Im Nachhinein meinten Freunde von mir, mich lachen gehört zu haben und sind ebenfalls beim Workshop vorbeigekommen.

Nach der Lachpartie gings weiter zum „Cuddle“-Workshop – kuscheln. Etwa 20 Minuten wurden uns die Regeln erklärt. Schweigen heißt „nein“, maybe later (vielleicht später) heißt nein und nein heißt nein. Vor jeder Aktion muss man fragen „Darf ich deine Haare streicheln…“ etc. Wir waren etwa 30 bis 40 Teilnehmer. Die wenigsten kannten sich. Unsere kleine Truppe startete gleich mit einer „Kuschel-Rutsche“ durch. Bald war der halbe Workshop dabei: Alle lagen in einer Reihe, zwei bis drei Mädels/Jungs lagen obenauf und wurden durch den Raum gerollte „cuddle-surfing“. Maybe later wurde nach diesem Workshop zu einem unserer Phrasen des Tages!  Außerdem kam ein Typ, der mich und Amandine schon am Vorabend in der Disko genervt hatte, auf uns zu, fragte, ob er sich mit zu uns legen dürfte, uns zu kuscheln. Ich hatte Amandine vorher gewarnt, ich sei keine Nein-Sagerin, ich bin eine die schweigt und damit deutlich macht „nein“. Es stellte sich heraus, dass Amandine genauso funktioniert. Wir schwiegen, starrten uns an, dann kam uns Lena zu Hilfe „Nein, nicht jetzt, aber danke.“ Nein-Sagen kann so einfach sein…

Nicht genug mit den Workshops, es ging ans Küssen. Beim Kuss-Workshop wurden uns die unterschiedlichen Kussvarianten der Länder vorgestellt. Neuseeland lag ganz weit voran (Stirn an Stirn). Wir küssten jeweils die anderen Kursteilnehmer, Jungs und Mädchen. Beim French Kiss bin ich ausgestiegen. Den Blind-Fold habe ich ebenfalls ausgelassen, es war aber ein herrlicher Spaß die Menschen zu beobachten. Leider überwog der Anteil der gutaussehenden Frauen im Vergleich z den gutaussehenden Männern… Lustig waren auch Treffen im Nachhinein. Menschen haben mich angesprochen, ich sie nicht erkannt und wenn dann gesagt wird „wir haben uns geküsst“ – „Ahhh jaa“. Ein Kerl wurde sogar ein wenig zum Stalker, schon beim Workshop merkte ich, dass er immer wieder bei mir vorbeikam, um sich seinen Kuss abzuholen – irgendwann passte ich „dich küsse ich nicht mehr“.

Am Abend aßen wir wieder alle gemeinsam in der Community-Area. Ein paar Freunde, darunter auch Leonie und Moritz, hatten Mülltonnen-Tauchen vor der Ankunft auf dem Festivalgelände gemacht. Es gab herrliches Bier von Aldi und Süßkartoffeln. Alles gratis. Außerdem sponserte ich das Kürbis-Stockbrot, das ich über einem Feuer im Art-Village gegrillt hatte.

Auf dem Weg zum Thai-Zelt, der Community-Area des Festivals, traf ich auf meinen alten Freund Alistair aus Brisbane. Er war extra nach Melbourne gekommen, um mit mir Ostern zu verbringen, leider hatte ich ihn falsch verstanden – er dachte, ich organisiere einen Lift für ihn und das drum herum. Ohne Handyempfang konnten wir auf dem Gelände selbst jedoch keinen Kontakt zueinander aufnehmen – der Zufall leistete mal wieder gute Arbeit.

Wir verbrachten den Großteil des Abends in der Community-Area des Festivals. Meine Freunde hatten ein neues Spielzeug entdeckt. Diese Seifenblasen-Dinger. Es gab reichlich Bubbles und ich hatte meinen Spaß sie platzen zu lassen. Wegen meiner „eingeschränkten“ 3D-Sicht traf ich häufig nicht – Amüsement für den Rest der Gruppe. Seither ist das sowohl deren als auch mein Lieblingsspielzeug (ich habe tatsächlich Spaß und die anderen genießen es, mich scheitern zu sehen)!

Im Übrigen sprachen mich an diesem Abend mehrmals Menschen an, ich fragte stets „Kennen wir uns?“ „Ja wir haben uns vorhin geküsst“ – herrlich eine Bekanntschaft so zu beginnen. Kiss-Workshop ahoi!

Noch hinzuzufügen ist, dass wir einen neue Zeltgenossen bekamen. Wir konnten den armen Jay nicht in seinem mickrigen Ein-Mann-Zelt schlafen lassen. Er bekam Obdach in unserem Palast.

08. April, Sonntag

Großer Plan für heute: Schlammbad! Auf dem Festivalgelände im Art Village gab es ein großes Schlammbad. Das Art Village im Allgemeinen ist die „Nackt-Zone“ des Festivals. Pure Nacktheit. In Deutschland ist Nacktheit weniger verpönt oder versteckt. In Australien gibt es keine bzw. nur wenige FKK’s. Eher prallen einem hier riesige Schilder an Stränden entgegen mit der Aufschrift „Kein Nacktbaden“. Die Australier können damit scheinbar weniger gut umgehen. Nun denn, ich und Amandine beschlossen noch eine Badehose anzulassen – allein aus hygienischen Gründen. Das Schlammbad war doch ein Streitthema unter den Hippies. Viele gingen in der zweiten Festivalhälfte nicht mehr hinein. Leonie beispielsweise lehnte es vollständig ab.

Typisch Mädchen gingen wir vorsichtig und aber mit viel Tamtam in den Schlamm-Pool. Einfach immer wieder witzig, dass wir es schaffen, das halbe Festival mit unserem Gegacker zu unterhalten. Schließlich schlidderten wir in das Bad. Notiz: Schlamm ist tierisch kalt! Und man kann und sollte in Schlamm nicht untertauchen. Viele gaben uns tatsächlich den Hinweis, nicht unseren Kopf in den Schlamm zu stecken. Andere berichteten von Problemen den Dreck aus den Ohren zu bekommen – und von entsprechenden Ohrenschmerzen. Herrlich. Aber nein, ich hatte nicht das dringende Bedürfnis meinen Kopf in den Schlamm einzutauchen.

Beim Hinaussteigen aus dem Schlamm rutschte ich freilich weg. Bespritzte den hinter mir sitzenden Mann mit Dreck im Gesicht. Das einzige, was ich unter Lachen hinausbrachte war: „Vorsichtig, hier ists rutschig“.

Danach sprangen wir in den See, um uns abzuwaschen.

Freilich testeten wir auch das Sauna-Zelt. Aber ich habs ja nicht so mit der Hitze. Dann ins heiße Bad. Herrlich! Gab doch tatsächlich ein Mädel, das samt Klamotten in die Heiße Wanne stieg?! Das man sich da nicht nackt reinsetzen will, schön und gut, aber in Leggins und Shirt?!

Nach dem Bad genossen wir eine herrlich lange und unsere erste Dusche auf dem Festival. Schön reine-waschen. Die Männer standen schlagen. Lena tat gute Arbeit sie abzulenken und zu unterhalten. Ich verteilte mein extra gekauftes „organisches“ Shampoo an die Wartenden.

Nach dem Schlammbad gings zum Intimitäts-Workshop. Ich konnte leider die Tafel nicht sehen, es war rundherum zu laut, also schlief ich fast ein. Ich beschloss, meine Zeit besser zu nutzen, schlenderte übers Festivalgelände. Spielte dann, zur Erheiterung von Jay, mit einem 11-Jährigen-Geburtstagskind Tischtennis.

Großes Highlight an diesem Abend, bzw. in meinem Leben: Der „Lovetunnel“ beim spontanen Chor. Der Chor war für 19 Uhr angesetzt. Ich begab mich mit Jay (aus Chicago) dort hin. Er distanzierte sich gleich. Er kann diese Enge, Liebe, Berührungen einfach nicht ausstehen. Nach dem Festival meinte er zu mir „Es war lustig. Ich wollte unbedingt hin, aber… nie wieder!“. Zum spontanen Chor versammelten sich etwa 600 Menschen. Dann meinte der Chor-Leiter wir sollen uns in Zweier-Paaren gegenüber aufstellen – eine riesiger Menschen-Tunnel entstand. Der Chorleiter ging als erster durch den Tunnel. Die Augen mussten geschlossen bleiben. Alle flüsterten, hauchten, sangen und sprachen ihm „I love you. You are awesome“ zu. Außerdem streichelten ihn die Menschen. Wir alle gingen durch den Tunnel. Es war ein wahnsinniges Gefühl. Viele hatten sehr erotische Stimmen. Manche Stimmen erkannte ich. Andere kannten mich „I love you Germany“, ohne dass ich die Stimme zuordnen konnte… Amandine machte den Tunnel auch mit. Ähnlich wie ich, war sie total begeistert und wir beide stellten fest, dass uns das ganze doch erregt hat – in vielerlei Hinsicht.

Es gab dann noch einen weiteren Tunnel, den „Champions-Tunnel“. Alle brüllten und feuerten dich an, du gingst triumphierten durch die brüllende Menschenmeute – diesmal mit offenen Augen.

Am Abend saßen wir bis in die Nacht in der Community Area des Festivals. Unterhielten uns mit Unbekannten, tranken und musizierten.  Ein hervorragend ruhiger Ausklang eines schönen Tages. Wir wollten im Übrigen noch den „Witz-Workshop“ von CSern finden. Leider suchten wir vergebens. Sie hatten den Ort des Workshops verlegt. Clever wie sie waren, hatten sie das im Info-Zelt angegeben. Uns fehlte die Cleverness – wir gingen nicht zum Info-Zelt, um uns zu erkundigen. Der Workshop lief wohl gut, einer regte sich wohl tierisch über rassistische Kommentare auf – dann meinte der Leiter des Workshops „Also wir sind hier in einem Witze-Workshop, da sollte das erlaubt sein“ „Ach es geht hier um das Erzählen von Witzen“. Er hatte tatsächlich nicht gewusst, dass dies ein Treffen zum Austauschen von Witzen war… Ich gab später einen Witz zum Besten, am nächsten Tag meinte der Leiter zu mir „Ich habe einen tierisch guten Witz beim Workshop gehört“ – jaa, es war mein Witz. Herrlich! Hatte er wohl was durcheinander gebracht…

09. April, Montag

Das Ende des Confests nähert sich. Es gab noch einen Kaffee und einen ruhigen Morgen in der Community Area. Ich sprang nochmals übers Festivalgelände. Hupende Autos, winkende Menschen, eine Menge Seifenblasen… Ich stand auf, meinte ich sei keine Morgenperson, plötzlich fuhr ein Auto vorbei, machte Seifenblasen – ich „uiii Seifenblasen“ und rannte hinterher. Hüpfte fröhlich zurück und Jay meinte nur „Ja, du bist wirklich keine Morgenperson“. Moritz lachte furchtbar grässlich über diesen Satz.

Dann gings mit Amandine, Dave und dem deutschen Mädchen Maja zurück. Leonie machte mir noch das beste Kompliment meines Lebens „Sie hat so viel Seele, sie tropft ihr aus den Ohren“!

Die Rücktour dauerte gute 5 Stunden. Endlich angekommen, musste ich in Richmond in die von Footy-Fans überfüllte Bahn einsteigen. Ich fühlte mich selten weniger Teil einer Gesellschaft als in diesem Moment.

Daheim wartete ich Stunden auf Leonie und Moritz. Ich fing an mir Sorgen zu machen. Die Akkus ihrer Handys waren leer, ich konnte sie nicht erreichen. Endlich, gegen 21 Uhr, kamen sie durch die Tür hereingeschnellt. Leonie war tierisch genervt. Harvey, mein ehemaliger Brauerei-Host, wurde von der Polizei angehalten – Trunkenheit am Steuer. Führerscheinentzug und eine deftige Geldstrafe von 388 Dollar. Ich fragte nur, ob sie sich die auch teilen. Leonie fand das ganze weniger lustig, wollte sie doch nur schnell vom Festival nach Hause. Sie hatten sich wohl auch mehrmals verfahren, da sie kein Navi dabei hatten und lediglich Straßenschildern gefolgt sind. Dann noch 1,5 Stunden auf der Polizeistation. Es tut mir leid, aber ich musste die beiden einfach auslachen. Obwohl ich froh bin, dass ihnen nichts passiert ist!

Diese Festivals sind einfach besondere, prägende Erfahrungen…I love it. It is awesome! (Ebenfalls ganz oben rangierend unter unseren berühmten Festival-Sätzen)!

23. Dezember 2011

6.55 Uhr klingelte der Wecker. Sydney wartete! Bzw. der Zug! Und der wartete halt nicht, der fuhr um 8.45 Uhr vom Southern Cross ab. Natürlich war ich zu spät, um meine Koffer einzuchecken. Natürlich war ich zu spät, um noch einen Coles Supermarkt aufzusuchen – also für schlappe 7 Dollar vegetarische Wraps am Bahnhof geholt. Für die elfstündige Reise rüsten.

Auf den ersten Stunden meines Weges hatte ich einen netten Sitznachbar aus der Nähe von Melbourne, junge 19 Jahre und Student. Führt eine Fernbeziehung mit einem Mädchen von Melbourne, diese stand ewig winkend und traurig schniefend vor der Bahn. Seit zwei Jahren treiben sie dieses Spiel nun schon, im Januar nächsten Jahres werden sie aber zusammen ziehen. Junges Glück! Wir unterhielten uns weiterhin über australischen Sport, dessen Regellosigkeit, und Musik.

Die nächste und weitaus längere Strecke des Weges hatte ich einen Alkoholiker neben mir. Er sabbelte mich zu, trank ein Bier nach dem anderen. Ich wunderte mich, wie viele wohl in seine Reisetasche passen würden. Über sechs Stunden schaffte er es, stets ein Bier in seiner Hand zu halten. Mir bot er freilich auch eins an, ich lehnte dankend ab. Er traf sich dann hin und wieder mit seinen Alkoholikerfreunden im vorderen Teil des Wagons. Schließlich nahm ihnen das Bahnpersonal die Flasche Whiskey ab. Sobald sich mein Sitznachbar von mir entfernte, fragten mich die umsitzenden Leute, ob es in Ordnung für mich sei, ob ich okay sei. „Alles gut, er ist ein freundlicher Betrunkener“.

Vor mir saß ein ganzer Trupp junger Menschen, sie enttarnten mich als Deutsche. Die lustige Truppe war auf dem Weg zu einem Camp in der Nähe von Sydney – ich fragte nur „Wie lange“ „Zwei Wochen“ – ja hier gibt es Schulausflüge über Weihnachten, dies zeigt auch den hohen Stellenwert des Weihnachtsfests in Australien…

Der eine Bahnmitarbeiter rannte ständig mit seiner riesen Mülltüte durch die Gegend und gab müll-einsammelnd vor, Santa Claus zu sein „Hohoho Müll bitte, hoho“. Herrlich. Als ich mich selbst am Buffet bediente, bekam ich als besondere Wechselmünzen, die mir Glück auf meiner Reise bringen sollten. Diese Menschen und ihre Freundlichkeit – einfach wunderbar!

Mit einer Stunde Verspätung kam ich in Sydney an, brach direkt auf zu meinem Couchsurfer. Bis zum 29. Dezember wohne ich in einer Appartementwohnung in Darling Habour im 9.Stock mit wunderbarem Blick über die Stadt, natürlich gibt’s Jacuzzi und Pool. Mein Host ist übrigens 37 Jahre alt und ursprünglich aus Indien, wohnt mittlerweile seit drei Jahren in Australien und arbeitet bei expedia.de im Bereich Accounting.

Schließlich traf ich mich noch mit Peter und zwei weiteren irischen Freunden seinerseits in der Cheers Bar in Sydney. Ein Wiedersehenstrunk! Um Null Uhr prosteten wir auf das deutsche Weihnachten an. Ich habe die These aufgestellt, dass wir Weihnachten so früh feiern, um sicher zu stellen, dass wir auch von Santa beliefert werden – ich meine, der Kerl hat eine ganze Welt vor sich!

24. Dezember 2011 – Samstag

Gegen neun Uhr weckte mich mein Couchsurfer mit Weihnachtsliedern.

Ich drehte eine Joggingrunde um Darling Harbour – grüßte alle, wünschte frohe Weihnacht. Ich fühlte mich wie die überdreht glücklich Verliebten in den Hollywood-Filmen. Es war ein großer Spaß. Bei mehr als 20 Grad – Sonnenschein pur!

Daraufhin lud mich mein Couchsurfer zum Essen ein. Ich zelebrierte mit einem köstlichen Fruchtsalat und frisch gepresstem Orangensaft.

Gegen Nachmittag traf ich mich mit Peter in der Stadt, gemeinsames Christmas-Shopping. Ich fand sogar meine Pico-Balla! Der Tag wurde immer besser. Seit fünf Monaten suche ich die Dinger nun schon, in Australien wie in Neuseeland. Immer erfolglos. Ich war so nervös, zeigte sie überglücklich Peter, bat ihn zu probieren, da meinte er nur „Habe ich schon oft gegessen“. Nach nur der Hälfte der Tüte wurde mir schlecht, weil ich aber so lange darauf gewartet hatte, leerte ich die Tüte.

Peter und ich kochten gemeinsam in seiner Wohnung nähe Coogee Beach. Es gab Lachs mit Schinken überbacken, Brokkoli und einen Maiskolben als Dessert. Mein Lieblingsessen! Lecker! Ich hatte die Woche zuvor ein kleines Tief, als mir meine Schwester überglücklich berichtete mein Geschenk erhalten zu haben (was ich vor drei Monaten in Cairns abgesendet hatte). An diesem Tag wollte ich gern bei ihr sein, schrieb Peter von meiner Sehnsucht und er reagierte „Du hast hier nur ein Weihnachten, es soll was Besonderes werden und ich werde alles versuchen, damit du glücklich bist“ – wie gesagt, die Menschen hier lassen einem keine andere Möglichkeit als froh und munter durch die Gegend zu springen. Als wir einen Weihnachtsfilm ansahen, passierte es doch: In diesem Film schauten die Kinder einen Film und das war unser (Mutti, Sandra) traditioneller Disney-Weihnachtsfilm. Also habe ich die Tradition auch hier in Australien nicht gebrochen! Eigentlich will ich ja nicht an Schicksal glauben, aber es gibt schon mehr als schräge Zufälle…

Am Abend traf ich in der Bar auf Iren, Engländer und zwei Deutsche. Den Deutschen schenkte ich eine herzliche Umarmung und einen riesigen Keks. Ein bisschen Weihnachtsfreude verbreiten. Die eine Deutsche war sehr unglücklich, reist schon nach 3,5 Monaten zurück. Sie war 29 Jahre und verheiratet, was sie ihren Hosts verheimlichte – sie meinte, ohne stünden ihre Chancen besser einen Schlafplatz zu finden. Jedem das Seine. Schließlich klirrten die Gläser um null Uhr erneut.

25. Dezember 2011 – Sonntag

Mit meinem Couchsurfer traf ich mich mittags zum Lunch, diesmal gings auf meine Kosten. Thai am Darling Harbour – seine Empfehlung. Trotz allem werde ich mit meinem neuen Host nicht richtig warm. Er ist eher langweilig, letztens gingen wir zur DVD-thek, dort begrüßte man ihn schon mit Namen und Handschlag. Unsere Gespräche drifteten ab zum Suizid von Enke…

Am Nachmittag brach ich auf Richtung Coogee Beach! Strandparty mit einem Haufen Couchsurfern, mir bis dato noch unbekannt. Ein Weihnachtsbaum half mir sie finden. Als erstes sprang ich natürlich ins Wasser. Ich hatte noch nie, ehrlich, noch nie, solch hohe Wellen. Die Wellen waren so heftig, das ich Purzelbäume im Wasser schlug und teilweise die Orientierung verlor. Es war ein großer Spaß.

Überraschender Weise waren viele Australier, zumeist aus Perth, unter den Couchsurfern. Natürlich tranken wir ein wenig, sangen Weihnachtslieder und unterhielten uns. Ein Host meinte, er lehne mittlerweile junge Deutsche ab; die seien nur im Internet und wenig unterhaltsam. Manchmal schalte er ihnen das Wifi ab, dann kämen sie aus ihren Zimmer und er nur „das passiert ab und an, aber ich habe keine Ahnung von Computern, sorry“. Am Ende des Abends fragte er nur „Wer will meinen jetzigen Surfer haben, ich will diese junge Dame hosten“. Ich habe wirklich einen heiden Spaß mit diesen Menschen. Weihnachten im Sonnenschein. Alle sind gut drauf. Nicht die Einkaufshäuser, nein, die Strände sind überfüllt. Alle in Badehose und Bikini, statts in Schal und mit roter Nase. Ich kann mich wirklich an ein solches Weihnachten im Sommer gewöhnen. Die Laune ist einfach so viel besser, alles so viel weniger stressig.

26. Dezember 2011 – Montag

Heute gabs wieder ein Frühstück im Cafe um die Ecke mit meinem Host.

Ich gönnte mir einen ruhigen Abend und glücklicherweise gabs den „Gilmore Girls Marathon“ im Fernsehen!

Eine Runde im Pool und ein Abstecher im Jacuzzi machen den Tag dennoch besonders und schön…

20. November 2011 – Sonntag

Ankunft in Sydney. Natürlich regnet es.

Als ich aber meine Sim-Karte wechselte – Australien rein, Neuseeland raus – hatte ich direkt eine Nachricht von meinem irischen Freund Peter auf dem Handy. Die Bange an diesem einen Abend in Einsamkeit zu versacken, war beseitigt. Ich freute mich riesig auf ein Wiedersehen. Peter ist ein Mensch, der anderen nur Gutes gönnt. Irgendwie wirkt er „ausgeglichen“ bzw. mit sich im Reinen. Kein Neid, keine Missgunst, dafür schätze ich ihn wirklich sehr.

Mit der Bahn gings zur Town Hall in Sydney. Dort angekommen, traf ich natürlich sogleich auf ein mir bekanntes Gesicht – einen Franzosen, den ich in Cairns kennen gelernt hatte. Ein kurzer Plausch, dann ging die Suche nach dem bereits gebuchten Hostel los.

Das ist im Übrigen wirklich etwas, was ich in Australien hasse: Egal, wen man nach dem Weg fragt, keiner weiß Bescheid. Selbst die Straßen-Bauarbeiter konnten mir nicht helfen! Überall hört man den Satz „ich bin nicht von hier“, selbst ich habe diesen Satz schon mindestens zehnmal sagen müssen. Letztlich kam ich aber doch im Hostel an. Ach ja, das geliebte Sydney, da zahlt man direkt 23 Dollar für ein 16-Bettzimmer. Unglaublich!

Am Abend traf ich mich noch mit Peter und einem weiteren Freund in der Cheers-Bar in Georgestreet. Die Zeitumstellung machte sich aber doch bemerkbar, daher ging ich schon um ein Uhr (NZL 3 Uhr) ins Bett. Schlafenszeit!

21. November 2011 – Montag

Zunächst gings zum Sydney Central Bahnhof – ein Ticket nach Melbourne buchen. Mein Gepäck konnte ich glücklicher Weise gleich dort lassen. Mein Zug ging am Abend um 20.50 Uhr.

Was nun? Der Tag musste noch sinnvoll verbracht werden. Schließlich traf ich mich mit einer Couchsurferin in Bondi Junction. Eine kleine Schlendertour durch das Einkaufshaus und ein Café, dann gings zurück in den Stadtkern – Fiona, die Couchsurferin, im Gepäck. Meinen ersten Kebab gabs an diesem Abend noch, der war sogar recht lecker!

Gegen 18 Uhr gesellten wir uns noch zu einer Reihe Iren und Engländer, Peter war auch darunter, ich gönnte mir ein Bier in der World Bar. Dann gings zum Zug. Auf, auf – Melbourne mach dich bereit für mich.

22. November 2011 – Dienstag

Die elfstündige Nacht-Bahnfahrt war erträglich. Es war nur furchtbar kalt. Die Klimaanlagen waren recht kalt eingestellt.

Um 7.30 Uhr kam ich in Melbourne am Southern Cross Bahnhof an. Ohne Stadtplan. Ohne Ahnung, wohin ich gehen muss. Also führte mich mein Weg, wie immer in diesen Situationen, zum nächstgelegenen McDonald und damit zum freien Internetzugang. Ich buchte eine Hostelnacht. Erneut ging die Suche los – diesmal bereitete mir die genaue Lage des Hostels Probleme. Wie wunderbar es immer wieder ist, mit dem ganzen Gepäck in der Hitze rumzurennen.

Schließlich fand ich meinen Unterschlupf – das Hostel glich vom äußeren Erscheinungsbild einer Villa, auch im Inneren setzte sich dieser Eindruck fort. Wendeltreppen, hohe Wände, Stuck – Altbau; ich fühlte mich wohl. Ich fragte direkt beim Einchecken nach der Möglichkeit freie Unterkunft gegen Arbeit zu erhalten. Der wirklich nette und hübsche Rezeptionist nahm mich an die Hand, führte mich vor die Eingangstür und meinte, ich soll keinem sagen, dass er mir Arbeit gibt, da er schon einige abgelehnt hätte, aber er drückt bei mir nochmal die Augen zu. Krampfhaft suchte er nach einer Aufgabe und schließlich „Du könntest mir einen Gefallen tun. Kaufe doch bitte etwa 200 Schokoriegel. Nein nicht so viele, nur so viele, wie du tragen kannst“ – eine freie Nacht im  Achtbettzimmer war gesichert. Meine Güte, die Herzlich- und Freundlichkeit der Menschen hier überrascht mich immer wieder.

Am Nachmittag traf ich mich noch mit einem französischen Freund, den ich vor Wochen in Cairns kennen gelernt hatte, Jean sein Name. Er lud mich zum Chinesen ein, spazierte mit mir am Fluss entlang und zeigte mir „Southbank“ Melbournes. Jean ist im Übrigen 27 Jahre alt, geboren in Paris – mag die Pariser-Franzosen aber nicht. Er lebt mittlerweile seit über einem Jahr in Australien.

Am Abend schlenderte ich zum Aldi. Gummibären kaufen – mit der Tüte in der Hand schlenderte ich nach Hause und habe mich selten so deutsch gefühlt.

23. November 2011 – Mittwoch

Heute gabs keine Arbeit im Hostel. Er meinte, das ginge dennoch okay, ich hätte ja gestern schon genug getan.

Ansonsten verbrachte ich den Tag mit der Suche nach einem Job.

Am Abend zog es mich zum Queen Victoria Night Market. Ein wirkliches Highlight! Eigentlich wollte ich Couchsurfer treffen, es war so überfüllt und ich kannte die Gesichter der Surfer noch nicht, sodass ich mich allein in der Nähe der Bühne niederließ. Dort sitzend, sprach mich eine Engländerin an. Ein wirklich hübsches, nettes Mädchen, ebenfalls 22 Jahre alt. Wir unterhielten uns übers Reisen. Sie war mittlerweile eineinhalb Jahre unterwegs. Sie hat einen ähnlichen Reisestil wie ich: Couchsurfing, Hitchhiking, Menschen vertrauen. Ihr bisher schlimmstes Erlebnis: Sie fuhr mit einem Truckerfahrer mit. Er wollte einen halbstündigen Zwischenstopp an einer Tankstelle machen. Sie beschloss die Zeit für einen Rundgang in der Stadt zu nutzen, ihr Gepäck ließ sie, eigentlich unüblich für sie, im Truck zurück. Nach einer halben Stunde kehrte sie zur Tankstelle zurück, aber der Truck war weg – samt Klamotten, Zelt, Geldkarten und Reisepass. Die örtliche Bäckermeisterin hatte Mitleid, spendierte ihr etwas zum Essen. Dann beschloss die Engländerin weiterzuziehen, erneut Hitchhiking. Sie wurde mitgenommen, setzte ihren Weg weiter fort, an einer Autobahnausfahrt entdeckte sie ihr Gepäck an einen Baun gelehnt und schrie die Fahrerin an „Halt, halt, fahr hier ran, bitte“. Die Fahrerin tat wie ihr geheißen und die Engländer erhielt tatsächlich ihr Gepäck zurück. An ihrem Rucksack war ein Zettel befestigt, auf dem stand „Entschuldigung, ich habe dich ganz vergessen. Ich hoffe, du findest dein Gepäck und wünsche dir weiterhin alles Gute für deine Reise“.

Bei netter Livemusik und einem Glas Sangria ließen wir den Abend ausklingen.

24. November 2011 – Donnerstag

Ich verstricke mich immer mehr im Alltagsleben.

Jobsuche, Joggen und zwei Stunden im Hostel arbeiten. Heute bekam ich wirklich mal eine Aufgabe: Ich sollte nach Schmierspuren und Dreck an den Duschen suchen und sie gegebenenfalls säubern. Ich hab, da ich eh nichts vorhatte, gleich alle Bäder geputzt. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nicht nur halbherzig putzen kann – ganz oder gar nicht. Deutsche Effizienz…

25. November 2011 – Freitag

Meine Hostelaufgabe heute: Spülmittel kaufen, zehn Flaschen. Na Mensch. Danach noch den hosteleigenen Garten säubern. Immerhin.

Am Abend ging ich zu einer Free-Bier-Party, die von Couchsurfern im Forum angepriesen wurde. Melbourne typisch handelte es sich dabei um eine Party in einer kleinen Nebengasse, eine CD-Promo-Party. Man sollte Emailadresse angeben, wurde mit der Musik der neuen CD zugedröhnt, während man sein Frei-Bier genoss. Ein Anziehungspunkt für Couchsurfer. Letztlich waren wir eine lustige Runde von etwa zehn Leuten. Eine herausragende Persönlichkeit lernte ich noch kennen: Rahil aus dem Iran, sie sieht im Trinken eine Rebellion gegen die Politik und Kultur in ihrem Land. Spannende Unterhaltung. Unterdrückung von Frauen, Mode und Religion.

Es ging weiter zu einem Kebab-Laden. Mit einem deutschen Couchsurfer-Kebab-Experten stand ich vor der Imbiss-Theke. Er hat deutschen Kebabbrot entdeckt, meinte „Können wir das für unseren Kebab benutzen und dann bitte dies und jenes…“ Er stellte uns einen wahrhaft deutschen Döner zusammen. Herrlich!

Es zog uns weiter zu einer Party nahe Waterfront. Als wir ankamen, stellten wir fest, dass dort nur Asiaten waren. Die Security am Eingang „Euch ist schon bewusst, dass dies eine Asiaten-Party ist“. Nein, ehrlich?! Ich habe noch nie so viele gestylte Asiaten auf einem Fleck gesehen! Letztlich scheiterte der Abend am Eintrittsgeld – 30 Dollar.

26. November 2011 – Samstag

Woran erkennt man, dass man kein Reisender mehr ist? Museumsbesuche kommen zu stoppen, ebenso wie meine Tagebucheinträge. Die Ereignisse und Daten der letzten Wochen verschwimmen, daher hier nur Abrisse.Ich sollte anfügen, dass ich das Alltagsleben wirklich herbeigesehnt habe. An einem Ort eine längere Zeit zu verbringen und eine Tagesstruktur zu haben, kann sehr entspannend sein…

Heute gabs im Hostel mal eine typische Aufgabe: Toiletten putzen. Zwei Stunden habe ich geputzt. Im eigentlichen bestand die Aufgabe aber schon wieder nur darin „zu schauen, ob Dreckspuren zu erkennen sind, Papier auf dem Boden liegt etc.“. Danach hat sich mein „Arbeitgeber“ erkundigt „wars sehr dreckig oder wars okay“?! Reizend.

Um 14 Uhr bin ich zum Thanksgiving-Fest, organisiert von Couchsurfern, aufgebrochen. Ich beschloss, wie immer wenn ich neu in einer Stadt bin, hinzulaufen. Leider regnete es an diesem Tag. Dies ließ mich aber nicht an meinem Plan zweifeln. Ich dachte mir, es ist Sommer, wird schon wieder aufhören. Pustekuchen! Zwei Stunden lief ich durch den Regen, der stärker und stärker wurde. Halb durchnässt kam ich an. Und erstmals seit Wochen hatte ich mich richtig hübsch gemacht, mir sogar mal wieder die Haare geföhnt – das letzte Mal, dass ich das gemacht habe, war sicher schon drei Monate her.

Als ich an der Tür ankam, gabs natürlich mal wieder keine Klingel, typisch für Australien! Ich klopfte und klopfte. Nach etwa fünf Minuten kam endlich Jemand zur Tür – er hatte mich nicht mal klopfen gehört, eher zufällig war er zur Tür gegangen – warum auch immer.

In der sehr gemütlichen Wohnung waren schon etwa fünfzehn bis zwanzig Leute am Kochen, Trinken und Reden. Eine schöne Atmosphäre und dazu der Duft des köstlichen Essens! Ich war an diesem Abend eine von zwei Deutschen! Rekord! Im Laufe des Abends kamen noch mehr Amerikaner und Asiaten hinzu, ein oder zwei Franzosen hatten sich auch unter die Meute gemischt. Am Ende waren wir, glaube ich, mehr als dreißig Menschen. Alle waren gut gekleidet – nur einer kam in T-Shirt und wurde zum Umziehen nach Hause geschickt. Glitzer, Glamour und Anzüge. So viel hübsche, nette Menschen.

Natürlich gabs Truthahn, mein erstes Truthahn Erlebnis! Und natürlich mussten wir alle berichten, wofür wir dankbar sind – ich war dankbar für das köstliche Essen und Couchsurfing, welches mir ermöglicht unterschiedlichste Kulturen kennen zu lernen. Couchsurfing hat wirklich einen immensen Einfluss auf mein Travel-Leben. Ein Amerikaner meinte, bei seinem Dankspruch, er hatte erst Angst vor diesem Tag, er dachte, er vermisse seine Familie und Freunde, doch dieses Thanksgiving sei das Beste seines bisherigen Lebens. Es war wirklich wunderbar! Kartenspiele, nette Unterhaltungen und die Desserts! Nach Hause lief ich im Übrigen nicht, ich bekam einen Lift von einem Australier – und der ist gefahren, ich hatte das Gefühl in diesem Crazy-Bus von Harry Potter zu sitzen. Erstmals hatte ich ein wenig Bange um mein Leben auf dieser Reise…

27. November 2011 – Sonntag

Um 7.30 Uhr schellte mein Wecker. Zu früh – nach der Nacht gestern! Mein Zimmergenosse stand verwunderlicher Weise bei meinem Weckerklingeln auf, so war ich gezwungen es ihm gleich zu tun. Er schmiss sich sofort in sein Weihnachtsmann-Outfit. Also nahm er auch Teil am Santa-Fun-Run. Kein Wunder, sein Körper war ein weiteres Highlight in Melbourne, haha. Sehr durchtrainiert, später erfuhr ich, dass er Wasserhockey spielte. Nur wenige Tage später brach er zu einem internationalen Wettkampf in Thailand auf.

Ich traf mich gegen neun Uhr mit drei weiteren Couchsurfern (zwei kannte ich vom Vorabend) Waterfront. Von dort aus gings 5 Kilometer den Santa-Fun-Run laufen. Bei den dreien handelte es sich um einen Asia-Amerikaner (Chung), einen Tasmanier (Mark) und einen Franzosen (Namenslücke). Die Jungs wollten natürlich beweisen, dass sie mehr Durchhaltevermögen als das kleine Mädchen haben. Männerstolz oder so. Vor allem Chung hatte das starke Verlangen vor mir im Ziel einzulaufen, nach der ersten Runde, dachte er bereits wir wären auf der Zielgeraden und sprintete an mir vorbei, ich dachte er macht nur einen Spaß, waren wir doch erst etwa 2 Kilometer gelaufen – aber er dachte tatsächlich, wir wären schon fertig. Ich musste so lachen! So wenig Gefühl für eine Strecke! Natürlich war er nach seiner kleinen Sprinteinlage völlig fertig… Wir rannten also eine weitere Runde und gegen Ende ereignete sich das gleiche Spektakel. Ich ließ ihn vorbeiziehen und seinen „Triumph“ genießen. Herrlich.

Mit den Jungs gings nach dem Fun-Run noch zum Frühstück ins „Lentil as Anything“. Ein Laden, in dem Gäste selbst aussuchen dürfen, wie viel sie für ihr Mahl bezahlen wollen. Die Mitarbeiter sind ehrenamtliche Hilfskräfte. Wunderbare Atmosphäre. Vegetarisch/veganisch. Sehr motiviertes, engagiertes Personal in teils lustigen Kostümen. Dass das Essen köstlich war, muss ich wohl nicht erwähnen.

Ich musste dann zurück ins Hostel, die Arbeit rief. Diesmal waren wieder die Klos dran, mein „Arbeitgeber“ nur „Aber wirklich nur schauen, du brauchst die Toiletten nicht putzen, wie beim letzten Mal, gibt ihnen nur einen kurzen Check“.

Gegen Abend traf ich mich nochmal mit Chung. Ich schrieb ihm, wir treffen uns „Central Melbourne“ an der Touri Info. Er meinte, ich solle ein bisschen spezifischer werden und Straßennamen schicken. Erst Stunden später verstand ich, warum „Central Melbourne“ für ihn so unpräzise war – ich meinte „Melbourne Central“, die Bahnstation mit Einkaufshaus. Letztlich holte ich ihn vor der Bibliothek ab und meinte, dort, genau vor seiner Nase, sei „Melbourne Central“. Letztlich hatten wir unseren Weg zueinander gefunden. Natürlich gings mit ihm nach China-Town. Er orderte sogar in Chinesisch – er meinte, es sei die einzige Möglichkeit für ihn, sein chinesisch zu trainieren. Später kam ein weiterer Asiate-Australier dazu, Philip. Asiaten beherrschen Australien!

Auf meinem Nachhauseweg lief ich an „Occupy Melbourne“ vorbei, einer kleinen Versammlung von Revoluzzern. Es entfachte eine einstündige Diskussion mit den Leuten dort. Sie campten seit wenigen Wochen dort, eine wohl weltweit entfachte Bewegung. Sie selbst hatten keinen Plan, wie die Welt eigentlich aussehen soll, nur anders solls werden. Jeden Tag kommt ein Polizeitrupp vorbei, schickt sie weg, sie packen ihre Zelte und Nahrungsvorräte, entfernen sich für eine halbe Stunde, dann kehren sie zurück und bauen alles wieder auf. Am nächsten Tag wurde ich sogar Zeugin dieses Spektakels. Ein wenig fühlte ich mich zurückversetzt in die Zeit der kleinen Studentenstreiks in Deutschland vor zwei Jahren – campen auf dem Schulgelände, unzählige Diskussionen, Lagerfeuer…

28. November 2011 – Montag

Meine Tagesaufgabe bestand heute darin den Teppich im Erdgeschoss von seinen Flecken zu befreien. Ich kniete mich also hin und schrubbte den Boden. Nach nur wenigen Minuten kamen Zimmermitbewohner, meinten das sei Menschenquälerei und wollten sich beim Hostelchef beschweren. Herrlich diese Leute! Ich hielt sie ab, meinte, ich hätte um Arbeit gebeten. Zumal ich den Boden mal wieder nicht schrubben sollte, sondern nur so ein Pulver einwirken lassen sollte – papperlapapp!

Nach meiner Arbeit traf ich mich erneut mich Chung. Mit einem sehr einfachen Hinweis veränderte er mein Leben – er meinte, man erkennt, wo links ist, indem man mit den Handflächen ein „L“ formt, – mit der linken Hand funktionierts. Miracle! Die Amerikaner sind uns ja sowas von voraus! Dann musste ich Chung verabschieden, er reiste nach Sydney. Einer der zynischsten, sarkastischsten Menschen, die ich auf meiner Reise getroffen habe und von daher einer der Menschen, mit denen ich mich sofort verstand.

Zurück im Hostel traf ich auf zwei deutsche Mädels – Rike und Sarah. Beide erst vor wenigen Tagen angekommen und noch im totalen Planungsfieber (was sie komischerweise bis heute noch nicht abgelegt haben, vier Wochen später). Eigentlich wollten wir ausgehen, doch die Mädels, frisch in Australien, hatten natürlich FlipFlops an und keine ID dabei. Also führte uns der Weg zurück ins Hostel. Wir hatten einen echt schönen Abend draußen im Garten. In der Küche lernte ich an diesem Abend noch Martin kennen, den Milchmann – er empfahl mir Arbeit bei Aussie Farmers Direct. Am nächsten Tag schrieb ich mir die Nummer der Firma auf… Schicksal, dass wir nicht ausgehen konnten :D

29. November 2011 – Dienstag

Mein letzter Arbeitstag im Hostel, ohne Arbeit zu erhalten – ich hatte ja schon am Vortag genug erledigt, haha. Also ging ich Joggen, hatte ja nun Zeit und keine Ausrede mehr… Schade eigentlich!

Mit den Mädels vom Vorabend machte ich einen netten Stadtbummel.

Gegen Nachmittag brach ich zu meinem Couchsurfer auf. Ich hatte nur einem Couchsurfer in Melbourne geschrieben – William. Ich war begeistert von seinem Profil. Erstmals konnte ich einen Menschen hinter einem Profil sehen, ich wusste etwa, welche Art Mensch mich erwarten würde und ich wusste ebenfalls, dass ich mit ihm viel Spaß haben könnte. Außerdem zeichnete sich sein Profil durch mehr als 40 positive Referenzen aus. Er ist sozusagen ein Couchsurfing Guru!

Da William bis spät arbeitete, verbrachte ich eine ganze Weile wartend vor seiner Haustür. Eigentlich wollte ich Lesen, aber natürlich kam ein verrückter Nachbar namens Justin vorbei. Er wohnte im Haus gegenüber und quatschte mich zu. Er erzählte von Steinen, die er sammelte und das er momentan von seinem Onkel finanziert wird, der wohl reich sei. Er selbst könne natürlich auch reich sein, wenn er nur all seine Steine verkaufen würde. Er fragte nach meiner Nummer, ging auf die andere Straßenseite, rief mich an und meinte „Es sei doch viel schöner, auch mal zu telefonieren, der Straßenlärm sei so laut, da wolle er nicht schreien“.

Nach etwa eineinhalb Stunden Wartezeit – von der mich sicherlich eine Stunde Justin mit Gesprächen in Anspruch nahm, kam Daniel. Daniel hat irgendwie ein typisch Deutsches Aussehen, spricht aber (australisches) Englisch. Daniel wurde in Konstanz geboren, zog mit sechs Jahren von Deutschland nach Australien. Im Übrigen fand ich erst kurz vor meiner Abreise heraus, dass Daniel richtig gut deutsch sprechen kann – als ich ihm einen Song vorspielen wollte und fragte, wie gut er deutsch verstehen würde, meinte er „Na klar verstehe ich das. Ich bin ja nicht ganz doof“. Seine Stimme klingt merkwürdig anders, wenn er deutsch spricht und er hat einen Dialekt, sehr kurios. Ein Byron Bay Kind. Er wohnte seit zwei Wochen bei William. Beide kennen sich schon länger und sie verbindet mittlerweile eine gute Freundschaft. Daniel ist mit der besten Freundin, Claire, deren Bekanntschaft ich schon am nächsten Tag machen werde, zusammen.

Zunächst mussten wir durch die Fronttür. Kein leichtes Unterfangen, denn das Bestellen für Schlüssel für diese Tür ist teuer. William und Daniel haben eine Alternativlösung gefunden, die darin bestand, einen Stock (perfekte Maße) durch den Briefkastenschlitz zu schieben und mit der gekrümmten Seite des Stocks die Türklinke runter zu drücken. Illegal, aber kreativ.

Das erste, was mir in der Wohnung ins Auge sprang, war ein lebensgroßes Spongebob-Kostüm. Die Jungs führen es ab und an in der Stadt spazieren – man braucht aber viel „Security“, da Menschen dazu neigen, auf Spongebob zu springen, ihn zu schlagen oder mit Flaschen zu bewerfen. Ich habe sofort den Wunsch geäußert mal mit auf Tour gehen zu wollen!

Gegen 23 Uhr kam William heim und sofort entstand Jubel, Trubel, Heiterkeit. Der erste Weg führte uns zum Liquorstore – ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es ein bestimmter Rum war oder nur Bier. Ich war zu oft mit den Jungs im Liquorstore… William wurde mir sofort als ehemaliger Barmann vorgestellt – in den nächsten Wochen durfte ich meinen ersten australischen Mojito trinken. Lecker! Und ich bin in Bezug auf Cocktails nicht leicht zufrieden zu stellen.

Bis drei Uhr morgens versuchte William „Dracula“ in einem Nintendo-Spiel zu schlagen. Mehrere Stunden hörten wir das Theme „Dö Dö Dö Dödödödö Dödödödödö“. Ein schöner Abend. Es ist immer gut auf Menschen zu treffen, die bereits etwas verbindet und man ihre Gesellschaft genießen kann – ohne Suche nach Themen oder angespannten Gesprächen. Einfach leben, reden, genießen…

30. November 2011 – Mittwoch

Der große Tag war gekommen. Ich musste zum Vorstellungsgespräch zu Aussie Farmers Direct. Um 12:30 Uhr wurde ich vom Chef rein gerufen. Ich erzählte über mich, meine Reisen und schließlich über ehemalige „Marketing“-Jobs. Aussie Farmers Direct ist ein Lieferunternehmen. Es bringt Produkte von den Farmern in der Umgebung direkt zu den Haustüren der Menschen. 100 % OZ! Der Chef war einverstanden mit mir. Ich durfte zur Schulung. Bis 18 Uhr wurden uns Informationen zu den Produkten – Milch, Butter, Brot, Fruit&Veg, Fleisch etc. eingetrichtert. Mein Training erhielt ich mit zwei Engländern und zwei Irinnen.

Am Abend führte mich mein Weg zum Queen Victoria Night Market. Dort traf ich mal wieder auf einen Haufen Couchsurfer, die meisten kannte ich vom Thanksgiving. Ich wollte mich gerade auf den Nachhauseweg machen, da rief William an – 55 Elizabeth Bar. Auf gings zur nächsten nächtlichen Station. In der Bar traf ich dann erstmal noch auf Claire – ebenfalls eine Wahnsinns-Frau, passte gut zu den beiden Jungs. Die drei meinten zu mir, dass sie neue Couchsurfer früher als erstes in diese Bar geführt hätten, um zu sehen, wie „spaßfest“ die Leute wären. Die Bar war sehr gemütlich; Couchen! Als wir gegen ein Uhr nachts das Appartment erreichten, wurden wir hungrig, das hieß, es war Zeit zum Kochen. Nudeln gabs. Yummi

01.Dezember 2011 – Donnerstag

Mein erster Arbeitstag bei Aussie Farmers Direct begann um 11 Uhr! Er endete gegen 20 Uhr – mit vier Sales und 113 Dollar Verdienst. Am ersten Tag erhielt ich eine Schulung von Mike, meinem Manager. Er ist selbst er 20, spart sich derzeit in Australien Geld an, um später seinen Traum zu erfüllen und in Neuseeland eine Pilotenschule zu besuchen.

Am Abend habe ich mit den Jungs einen wirklich schlechten und daher sehr amüsanten Karatefilm geschaut. Eigentlich, und dies war ihr Vorschlag, wollten wir König der Löwen schauen, doch der Ton spann – aber Menschen, die von sich aus den Film König der Löwen vorschlagen, die muss ich einfach mögen…

Leider fiel William auf, dass er die nächsten Tage nicht daheim sein werde. Er meinte nur „Eine Wohnung ist ja da, um bewohnt zu werden, also kannst du hier ruhig schlafen. Es wird keiner da sein“. Tatsächlich hatte ich am Freitag erstmals ein Zimmer, ja eine ganze Wohnung allein für mich. Für den Sonntag kündigte sich aber eine neue Couchsurferin an, das hieß für mich: erneuter Umzug.

02. Dezember 2011 – Freitag

Heute begann die Arbeit um 10 Uhr mit einem deftigen BBQ – Produkte verkosten. Lecker!

An diesem Tag machte ich leider keine Sales und damit auch kein Geld. Es hinderte mich aber nicht daran den Freitagabend zu genießen. Mit William, Daniel und Claire trank ich erstmals Cocktails – homemade. Dann gings mit Daniel und Claire in die Stadt. William verabschiedete sich zu seiner Freundin.

03. Dezember 2011 – Samstag

Erneut trat ich meinen Weg zur Arbeit an. „Du musst nicht am Samstag arbeiten, wenn du nicht willst“ – natürlich nicht. Von 10 bis 21 Uhr klopfte und redete ich mir die Finger bzw. den Mund wund. Schließlich verdiente ich an diesem Tag mehr als genug! Außerdem wurde ich wieder einmal mehr überrascht von den Australiern. Fast jeder zweite bat mich auf ein Wasser, Tee oder eine Cola in sein Haus. Alle sind an den Reisegeschichten und an mir interessiert. Mit einem Mann, der völlig überfordert war mit Haushalt und seinen zwei Kindern, unterhielt ich mich schließlich fast eine Stunde. Er wurde erstmals von seiner Frau allein mit den Kindern daheim zurückgelassen, früher sei er selbst viel gereist, nun sind die Kinder da…

Am Abend sah ich mir mit Daniel der „Froschkönig“ an – erneut gab es keine Klage über meine Filmauswahl.

04. Dezember 2011 – Sonntag

So viele Pläne: Kino, Museum… Letztlich endeten Daniel und ich, auf unsere Wäsche wartend, vor tausenden „How I met your mother“ Folgen.

Am Nachmittag/Abend zog ich dann in ein Hostel in der Elizabeth Street. Schon bei der Ankunft wurde mir klar, warum es so günstig war. An der Fronttür stand „Rezeption im Laden“. Ein Asiate begrüßte mich, verlangte mehr Geld von mir, als angegeben und wollte mir statts eines sechser-Bettzimmers ein 8-Bettzimmer andrehen. Er meinte, ich solle mir die Räumlichkeiten anschauen und dann entscheiden, entnervt meinte ich, ich nehme den achter-Raum. Aus irgendeinem Grund hatte er Bange mich mit Männern in einen Raum zu stecken. Wie es der Zufall so will, kam natürlich ein junger Herr in den Laden, sah mich genervt, fragte nach dem Problem, ich berichtete und er meinte nur zum Asiaten „Pass auf sie auf und gib ihr den richtigen Preis“. Netter Mensch!

Später traf ich mich noch mit Philip. Wieder gings nach Chinatown zum Essen. In dem Restaurant hatten so viele Menschen Geburtstag! Für jedes Geburtstagskind wurde das Lied „Happy Birthday“ gespielt – ich rannte freilich zu jedem Tisch um die Glücklichen zu herzen.

Am Abend geschah dann so etwas wie ein Wunder: Ich traf auf Christin. Christin habe ich nun etwa vier Jahre nicht gesehen. Ich habe früher mit ihr in einer Tanzgruppe in Neuenhagen zusammen getanzt. Ich traf sie auf der Treppe meines Hotels, fragte nur „Christin?“ – sie „Desiree“. Lachend, umarmend sprachen wir miteinander. Sie wohnte bereits ein Jahr hier, hat einen neuseeländischen Freund und wartet auf ihr zweites Work-und-Travel Visa. Wir machten uns darüber lustig, dass wir uns im wahrscheinlich schäbigsten Hostel Australiens trafen. Eine grandiose Zusammenkunft!

05. Dezember 2011 – Montag

Raus geht’s aus den Federn! Auf zur Arbeit. Heute war ein guter Tag. Sechs Leute habe ich zu Fruit und Veg bewegen können!

Dann folgte eine weitere traurige Nacht im schäbigen Hostel…

06. Dezember 2011 – 09. Dezember

Auszug aus dem Hostel. Mitsamt Gepäck ging es zur Arbeit – im Späteren bekam ich den Spitznamen „Couchsurfer“, die Leute auf Arbeit verstehen nicht, was ich hier machen, wundern sich über Menschen, die ihre Wohnung freiwillig und vor allem kostenlos anderen zur Verfügung stellen. Sie meinten nur „Du weißt schon, dass du nicht nach Geelong ziehst?“ – jaja, macht euch nur lustig über mein Gepäck!

Die nächsten zwei Abende fand ich Unterkunft bei Philip. Er wohnte in der Flinderstreet, in einem Appartmenthotel im 28. Stock. Großartiger Blick über die Stadt. Er fragte mich am Abend, ob er die Jalousien runterziehen sollte – ich wollte die Stadt sehen. Bis etwa 4.30 Uhr starrte ich auf die Lichter. Es war ein herrlich schöner Anblick. Bei geöffnetem Fenster lauschte ich außerdem dem Straßenlärm.

Am Dienstag traf ich abends noch auf Alistair. Meinen neuseeländischen Freund, den ich vor mehr als vier Monaten erstmals in Brisbane kennen lernte und mit dem ich seither Kontakt gehalten hatte. Es war eine freudige, lange Umarmung! Schon komisch, wie vertraut einem hier manche Menschen vorkommen— Nur auf Grund der Tatsache, dass er einer der wenigen in Australien ist, die ich tatsächlich schon über Monate hinweg kenne, fühle ich mich sehr verbunden mit ihm.

Am Mittwoch hatte ich einen wunderschönen Arbeitstag. Dies lag weniger an den vielen Verkäufen. Ich hatte bereits einen Sale, es war wirklich heiß an diesem Tag, ich setzte mich für eine 10-Minuten Erdbeerpause unter einen schattigen Baum, als mir ein mit schwerem Rucksack bepackter, junger Mensch entgegenkam. Er gesellte sich zu mir. Wir endeten in einem zweistündigen Picknick. Sein Name war James, 22 Jahre, aus Australien. Ein Backpacker und Traveler, wie er im Buche steht. Er reist nur per Anhalter, hat überall Familie und Freunde, bei denen er schlafen kann. Arbeitet hier und da. Ein sagenhaft netter Mensch, mit dem es sich gut unterhalten ließ. Nach zwei Stunden musste ich dann aber doch mal wieder etwas tun – ein weiterer Sale ging an diesem Tag an ein altes Ehepärchen, der Mann war ein Deutscher. Leider hing er nur am Telefon, weshalb ich mich lediglich mit seiner Frau unterhalten konnte… Am nächsten Tag fragte mich mein Chef auf Arbeit lediglich, was denn los gewesen sei mit mir, da ich nur so wenige Sales gemacht habe – „ein altes Ehepaar hat mich lange festgehalten“. Unsere Arbeitszeiten bei Aussie verlängerten sich übrigens rapide. Meist ging es um 10 Uhr los und Abholung war um 20 Uhr, das hieß, man war gegen 22 oder 23 Uhr im Stadtzentrum.

Donnerstag schlief ich bei meinem Arbeitskollegen Paul im Hostelbett – während er seiner Freundin einen Besuch abstattete. Ich durfte sogar das „Free Breakfast“ nehmen!

Am Freitagabend gegen 22.30 Uhr bekam ich noch die Message „Morgen arbeiten“, ohne ein bitte, ohne eine Entschuldigung für die späte Nachricht. Ich lehnte ab. Meine Arbeitskollegen, mit denen ich in der Stadt unterwegs war, taten es mir gleich. Letztlich platzte die Arbeit am Samstag gänzlich. So eine schlechte Organisation! Freitags übernachtete ich bei einem Arbeitskollegen, Lukas, Nähe Crowns-Casino, der Teppichboden seines Zimmers reichte mir. Er beklagte sogar, dass ich länger habe schlafen können als er. Mittlerweile kann ich überall einschlafen und schlafe sogar zumeist recht gut…

10. Dezember – 19. Dezember 2011

Samstag war ein ruhiger Tag. Regen, viel Regen! Daher wurde drinnen gemütlich DVD geschaut. Gegen Nachmittag gings dann zu meinem neuen Couchsurfer, Harvey. Ein Amerikaner, von Beruf Brauer. Ich verirrte mich ein weiteres Mal in Melbourne – jeder Suburb hat gleiche Straßennamen – ich war im falschen Viertel. Ich stand in der richtigen Straße, vor der richtigen Hausnummer, rief den Couchsurfer an und er meinte nur „ich sehe dich nicht“. Weiter ging die Suche. Eine halbe Stunde später hatte ich seine Brauerei endlich gefunden. Sofort gabs eine Bierverkostung. Wirklich leckeres Bier! Er war stolz wie Bolle, führte mich durch die Brauerei, erklärte mir Vorgänge. Außerdem traf ich noch auf seinen Freund, dessen Namen ich leider vergessen habe. Die beiden hatten sich vor einigen Jahren in der Türkei kennen gelernt. Sprechen eigentlich nur türkisch miteinander. Der Typ war schon sturztrunken und erzählte mir von seinem Liebesleid. Mein Couchsurfer entschuldigte sich fortwährend für ihn. Letztlich führte es soweit, dass der Typ am Telefon mit seiner Freundin Schluss machte

Am Sonntag machte ich mich mit meinem Brauer auf zum Bierfestival. Ein anderer Freund, ebenfalls Brauer, war mit von der Partie und Fahrer des Tages. Ohne Frühstück setzte ich mich ins Auto. Nicht mal angeschnallt, bekam ich vom Freund schon das erste Bier in die Hand gedrückt – seine eigene Brauung. Kosten! Zwei Stunden dauerte die Fahrt zum Bierfest. Den Eintritt bezahlten mir die Herren, wie auch das spätere Essen. Es war wirklich lustig mit den Beiden. Wir kosteten jede Biersorte „Hier probier die! Und?“ „Nicht so lecker“ „Das ist das schlechteste Bier, was ich je getrunken habe“ „Nein das davor war noch unerträglicher“ „Stimmt“. Es waren tatsächlich nicht viele köstliche Biersorten dabei. Nach dem Bierfest besuchten wir noch zwei weitere Brauereien, ließen uns jeweils rumführen. Harvey und mich überkam mittlerweile die Müdigkeit. Ich stieg von Bier um auf Kaffee. Abends machte ich, auf meiner Couch liegend noch die Begegnung mit einer Maus – sie lief an meiner Couch vorbei, unsere Blicke trafen sich, dann rannte sie weiter. Ich beschloss meine Käsekräcker vom Boden wegzunehmen.

Bei Harvey übernachtete ich im Übrigen bis zum Freitag. Harvey war ein komischer Kerl, nett und höflicher aber sehr bestimmend. Ihm gehört das Haus, in dem noch drei weitere Leute wohnen. Ich glaube, in der kurzen Zeit habe ich mehr mit seinen Mitbewohnern geredet als er selbst. Er meinte nur zu mir, er sei das Problem, er will nur ruhige und ordentliche Mitbewohner, sonst nichts. Schon in der Küche wurde mir klar, dass das eine Zweckgesellschaft war – ein Tisch, zwei Stühle. In den nächsten Tagen bewahrheitete sich mein erster Eindruck, die Mitbewohner aßen jeweils allein in ihren Zimmern. Schade.

Meine zweite Arbeitswoche war sehr erfolgreich. Ich startete mit sieben Sales in die Woche! Schlug meinen Manager und den Rest der Truppe – ein Kaffee und ein Sechser-Bier waren mein Verdienst. Im Übrigen haben die zwei Irinnen, mit denen ich meine Einführung hatte, bereits am zweiten Tag aufgegeben. Der eine Engländer wurde gefeuert, weil er bereits in der ersten Woche zweimal fehlte. Von den fünf Neuzugängen waren nur noch ich und Josh übrig.

Die nächsten Arbeitstage liefen ebenfalls ziemlich gut. Nur an einem Tag hatte ich einen Durchhänger – ein Mann wurde böse, weil er keine Türklopfer haben wollte, schrie mich an. Ein weiterer war mehr als interessiert an mir, aber auf eine sehr unheimliche Weise. Leider habe ich ihm meine Nummer rausgegeben, er meinte, er sei Kunde und wolle einen Call-Back tätigen, daraufhin bekam ich etliche SMS von ihm und Einladungen zu Lunch, Wasser etc. Manchmal ging mir meine Freundlichkeit selbst auf den Nerv. An diesem Tag hatte ich außerdem viele Betrunkene oder bekiffte Menschen an den Türen, ich scheute mich, mit ihnen Bestellungen abzuschließen – mein Chef lachte mich nur aus „das sind doch die einfachsten“. Natürlich! Ich hatte zu Beginn der Woche ein individuelles Training mit meinem Chef, er verbesserte meinen Pitch, das war wirklich mehr als hilfreich, es lief fortan besser. An einem Tag lief ich mal wieder eine falsche Straße entlang, dies bemerkte ich, da ich erneut auf einen Arbeitskollegen traf – ich war in seinem Gebiet. Ich fuchste mich zurück in meine Straße und traf erneut auf eine Arbeitskollegin – sie hatte sich in mein Gebiet verirrt. Herrlich! Frauen und Karten… An dieser Stelle möchte ich außerdem die vielen Motivations-SMS von meinem Manager Mike erwähnen. Hier nur einige „ok guys we are only 5 sales short. I defiantly don’t wanna work Saturday so lets all hit 1 last street. We need this so lets not give up.” “You can do it, make the people in Berlin proud” “so lets bang this place like an episode of milf hunter” “Ok you milky customers. The couch surfer that kid that always sleeps in, the girl who drives in street corners and our favourite long haired german all off the mark. The pride of Bavaria and me still not out the blocks. This is a good start, we need four more each. Any one who beats me gets a cheeseburger and 35 in total gets us all booze for the trip back”

Am Donnerstag und Freitag traf ich mal wieder auf meine liebsten Couchsurfer Daniel und William. Den Freitagabend verbrachten wir erst in einer Bar, dann zogen wir zur nächsten… Mittendrin versuchten die zwei, William noch in Arbeitsanzug, den besten Weg ein Baugerüst hochzuklettern, zu erkunden. William ist Kletterer, ist sogar schon mal auf den kleinen Eifelturm Melbournes hochgeklettert, wurde aber von der Polizei aufgegriffen und vom Richter zu einer 150 Dollar Strafe verurteilt. Ich lernte an diesem Abend noch weitere, verrückt-heitere Freunde der beiden kennen. Immer wieder gern!

Am Sonntag folgte die Weihnachtsfeier in unserem Büro bei Aussie Farmers. Mein Chef machte mich beim Bier-Pong fertig. Er bestand darauf, dass mitspielte. Danach folgte eine Runde „Ring of Fire“ – die Nacherzählung von einer Geschichte scheiterte bereits bei der dritten Person. Um 16 Uhr begann das feucht-fröhliche Vergnügen. Um ein Uhr holte mein Chef die Champagnerflaschen raus. Es wurde noch nasser! Schließlich stanken wir alle nach Champagner und Bier. Bis vier Uhr früh vergnügten wir uns, tanzten auf den Tischen und sangen Weihnachtslieder. Noch Tage später sollte das Büro nach Alkohol riechen, die Wände Spritzspuren tragen und das Sofa ein Totalschaden sein. An diesem Abend durfte ich im Hostel bei zwei Arbeitskollegen schlafen, die besetzten zur Zeit ein Achtbettzimmer zu zweit – genug Platz für mich also.

Am Montag gönnte ich mir eine weitere Hostelnacht im Nomads. Um drei Uhr machten Asiaten im Zimmer so einen Lärm, dass ich gezwungen war aufzustehen und ihnen bei der Trennung des Kabelsalats zu helfen – ein weiterer Mitbewohner half, indem er uns seine Taschenlampe zur Verfügung stellte. Das halbe Zimmer war munter!

20. Dezember – 21. Dezember 2011

Arbeits-Roadtrip nach Philip Island. Schön wars! Sogar Baby-Pinguine gesehen.

21. Dezember – 22. Dezember 2011

Die letzten zwei Tage fand ich nochmal Unterschlupf bei meinen Lieblingscouchsurfern William und Daniel. Diesmal gesellte sich noch der deutsche Lukas hinzu. Er hatte vor meiner Zeit bereits vier Wochen Williams Couch in Anspruch genommen. Auf meine Couchanfrage meinte William nur „Es wird etwas eng, aber Daniel und ich teilen uns ein Bett, dann können du und Lukas ebenfalls bei mir schlafen“. Ich meinte nur, dass es ihm auch gestattet ist „nein“ zu sagen und die Anfrage abzulehnen. Es zeigte aber einmal mehr, wie großartig und liebenswert diese Menschen sind. Ich durfte freilich wieder bei ihnen schlafen, Daniel zog für die zwei Abende zu Claire. Als ich William mitteilte nur zwei Nächte zu bleiben und dann nach Sydney zu ziehen, schrieb er nur zurück „A German in Sydney on Christmas – thats not a cliche at all“. Ich weiß, ich weiß…

An diesem Abend wurden nochmal die Cocktailgläser gefüllt! Es war Williams und Claires letzter Arbeitstag. Die beiden Arbeiten im Bereich der Gehirnchirugie/forschung.

Den nächsten Tag verbrachte ich größtenteils in der Stadt – Planungen für die Reise mit der werten Frau Mama. Meinen letzten Abend verbrachte ich mit meinem Lieblingsfranzosen Jean in seinem luxuriösen Appartement im Eureka-Tower in Melbourne – ich schuldete ihm noch eine Pizza. Es handelt sich bei seinem Appartement um eine Art „Einraumwohnung“, die er sich mit einem Kumpel teilt. Normalerweise kostet diese Wohnung 680 Dollar die Woche, er zahlt 200, da diese Wohnung einem Freund gehört, der im Moment in Übersee ist. Die Inneneinrichtung ist ein wahrer Hingucker – Plasmafernseher, Ledercouch, glänzende Küchenfronten. Ich bemerkte, dass das Zimmer, das ich momentan mit zwei weiteren Personen bewohne, ist nicht so groß, wie das Wohnzimmer seiner Wohnung. Und er beklagte sich schon über eine weitere Person! Er lachte mich aus, weil ich meinte, wir haben weder Fernseher noch Internet… Ehrlich gesagt, fühlte ich mich in Williams Wohnung dennoch gleich wohl; anders als im Luxus-Appartement…  In dem Appartement gibt’s auch eine Katze (die gehört dem eigentlichen Inhaber der Wohnung). Wenn die Katze Ärger macht, wird sie kalt abgeduscht und ins Bad gesperrt – ich war schockiert von den Erziehungsmethoden, Jean nur „Ist doch besser als treten“.

04.November 2011 – Freitag

17.30 Uhr kamen wir auf der Nordinsel an.

Natürlich führte unser Weg geradewegs zum nächstbesten Mcdonald. Dort wurden wir maßlos enttäuscht – Internet funktionierte nicht.

Meine Laune war an diesem Abend auch nicht auf ihrem Höhepunkt. Eigentlich wollte ich mich in einem Hostel einquartieren, ich hatte gerade mal die Nase voll von allem. Leider waren die Hostelpreise mal wieder lächerlich hoch und es mittlerweile reichlich spät – ich hätte innerhalb von Minuten Leute zum Feiergehen kennen lernen müssen. Weder dazu, noch zum Feiern selbst war ich in der richtigen Stimmung.

Tim hatte mal wieder einen Buchladen entdeckt – (in jeder Stadt, Dorf, Insel sucht er nach Bücher- und Sushiläden; mittlerweile sind wir uns sicher, dass er mal einen Buch-Sushi-Laden eröffnet). Er hat den größten Second-Hand-Buchladen entdeckt, den ich jemals gesehen habe. So viel Auswahl! Selbst ich schlug zweifach zu! Tim gönnte sich gleich zwei Bücher. Mittlerweile hat er tatsächlich ne halbe Bibliothek in seiner Tasche. Wenn ihr mal n Buch braucht – ich geb Tim bescheid!

Es wurde dunkel, wir machten uns auf den Weg zum Campingplatz – kostenlos und ewig weit außerhalb der Stadt. Gegen 23 Uhr kamen wir an – und standen vor verschlossenen Toren. Christian fragte ein vorbeifahrendes Ehepaar nach einer weiteren Möglichkeit zum Campen. Die Eheleute sprachen einen Moment miteinander, dann sagte der Mann „Kommt mit zu uns, wir haben Betten“. Immer wieder amüsant: Die Leute entschuldigten sich für ihr Zuhause, sie waren gerade am Renovieren. Scheinbar vergessen die Leute, dass wir ansonsten am Straßenrand in einem schrottigen Auto und einem Zelt geschlafen hätten. Übrigens, ein wirklich schönes Haus! Wir gaben Bier aus – irgendwie muss man sich ja erkenntlich zeigen. Wir bekamen ein Doppelbett und ein Einzelzimmer. Großartig. Mal wieder ein richtiges Bett! Der Gastgeber war ein wenig angetrunken und erzählte Geschichten fünfmal, aber er hatte uns den Abend gerettet, da lache ich gern fünfmal! Zur Not sogar ein sechstes Mal. So viel Freundlichkeit. Die Neuseeländer sind umwerfend! Nachts ließen sie uns sogar das Licht im Flur an – weil wir uns ja nicht auskannten, falls wir auf die Toilette müssen, damit wir nicht stürzen. Rührend. In dem Moment schätzte ich mich mehr als glücklich, nicht ins Hostel gegangen zu sein.

05.November 2011 – Samstag

Am nächsten Morgen wurden wir mit Frühstück aller erster Klasse begrüßt: Spiegelei (Eier des Nachbarn), Lammwurst (aus eigener Zucht), Schinken und Toast. Köstlich! Danach bekamen wir einen kleinen Rundgang über den „Bauernhof“ – vier Hunde, die mehrere Wettbewerbe gewannen, aber stets und ständig am Bellen waren; zwei Kühe (eine davon trächtig, die andere bereits mit Kalb); zwei Pferde (9 Jahre, 26 Jahre) und eine Schafsherde (darunter ein schwarzes Schaf). Kühe wie Schafe dienten dem späteren Gaumengenuss.

Der Hausherr zeigte uns dann auch seinen Bagger und seine Maschinen – er war früher Rennfahrer in Neuseeland und Australien. Er hatte ein Suzuki, die schnellste, die es derzeit auf dem Markt gibt und hat sie nochmal trimmen lassen. Ich glaube, Spitzengeschwindigkeit ist 330 km/h. Ich hätte mich gern mal mit auf den Sattel geschwungen!

Zurück in Melbourne führte mich mein Weg ins Te Papa – ein Museum. Ein riesen-Squink empfand ich als Highlight. Lustig: Als Forscher rausfanden, dass es sich um ein weibliches Tier handelte, verloren sie das Interesse. Ansonsten gabs in dem Museum viel zum Spielen – Friede, Freude, Eierkuchen.

Am Abend feierten die Neuseeländer „Guy Fawkes Day“ – 1605 gabs an diesem Tag einen Anschlag auf das englische Parlament, welchen König James der Erste überlebt – ein Grund zum Feiern. Tim und ich warteten im Hostelzimmer auf Christian, um zusammen zum Feuerwerk zu gehen. Wir vermuteten ihn im Bad. Er kam und kam nicht. Damit ich nicht alles verpassen musste, ging ich letztlich doch allein runter und genoss die letzten fünf Minuten Leuchtgeballer – Christian kam nach dem Feuerwerk rein. Er war allein los, als er gehört hatte, dass es beginnt…

Wir gingen dann noch in eine mexikanische Bar, tranken ein Bier.

06.November – Sonntag

Am Morgen habe ich Stunden im Internet der städtischen Bibliothek von Wellington zugebracht. Vor allem mit meiner Schwester und Freundin geskypt. So startet man doch gut in einen Tag.

Gegen Nachmittag konnte uns Tim zum Aufbruch aus der Bibliothek und Richtung Norden überreden.

Am Abend kamen wir am Campingplatz „Mangaweka“ an, an dem wir bereits Wochen vorher gezeltet hatten. Christian war der erste der sich aus dem Auto bewegte und begann Holz fürs abendliche Lagerfeuer zu sammeln. Ich und Tim philosophierten über die Merkwürdigkeit des Augenblicks – es war merkwürdig, wieder an diesem Campingplatz zu sein, man merkte, dass sich der Trip dem Ende näherte. Ich bemerkte „Christian kommt sich gleich und meckert uns voll wir sollen helfen“, nur zwei Minuten später klopfte es am Auto „Kommt ihr mal, sammelt auch Holz“. Natürlich. Wir reisen zwar noch nicht sehr lang zusammen, aber da ist doch schon so viel Routine in unserem Handeln zu entdecken. Ach ja… Auch Reisen ist irgendwann mit viel Alltag verbunden.

Nach etwa dreißig Minuten waren wir fertig. Das Zelt stand, massig Holz war gesammelt und ganz große Überraschung: Meine Kopfleuchte funktionierte!!! Nach eineinhalb Monaten Nichtfunktionalität, hatte ich aus reinem Zufall nochmal probiert sie anzumachen – oh Wunder, es hatte geklappt. Freude. Freude bei allen Anwesenden! An diesem Punkt waren wir zugleich auch etwas verwirrt – alles lief mittlerweile so glatt. Und wieder: Alltag Leute gibt’s auch hier, am Beginn unserer Reise hätten wir für den Aufbau unseres Schlafplatzes noch Ewigkeiten gebraucht. Mittlerweile aber waren Aufgaben und Pflichten klar verteilt.

Köstlich, selbst gemachte Burger, ein Lagerfeuer und Chips rundeten den Abend ab.

07.November 2011 – Montag

Unsere Reise geht weiter Richtung Tongariro National Park. Im Ort kamen wir gegen 16 Uhr an. Bevor wir unser Nachtlager suchten, besahen wir uns noch den „Tawahi Waterfall“ – mittlerweile hauen uns auch Wasserfälle nicht mehr von den Socken. Es ist zu ärgerlich, dass man sich an diese Naturspektakel gewöhnt.

Wir campten in der Nähe Turangis.

Christian und ich trafen am Abend noch einen Freund seinerseits im YHA. Matthias sein Name. Die beiden kannten sich aus Cairns, er war 3,5 Wochen in Mount Burrell. 43 Jahre der Herr und Mechaniker für Wasser/Luftanlagen aus Chemnitz. Matthias reist mit dem Magic Bus durch Neuseeland und ist ein echter Wanderfreund. Er hatte an dem Abend leider nicht viel Zeit für uns, im Magic Bus reisen, heißt, in einer Gruppe zu reisen. Er meinte nur „ich muss jetzt kochen, die wollen das sicher gleich wieder alle zusammen machen“. Herrlich. In Wellington hatten wir übrigens ein Pärchen kennen gelernt, dass ebenfalls im Magic Bus reiste. Eigentlich vermutete ich, die beiden wären schon ewig unterwegs, weil sie still waren und sehr genervt voneinander schienen, tatsächlich reisten sie erst seit 1,5 Wochen. Ach ja der Typ hatte auch Paranoia – seinen Reiserucksack hat er mit einem Metallnetz ans Bett gekettet. Böses Wellington. Böse, böse Backpacker.

Mit Matthias verabredeten wir uns für den nächsten Tag um 8 Uhr früh am Parkplatz vor dem Tongariro Crossing Track. Wir hatten schon befürchtet, Tim würde uns strangulieren – auf Grund der Uhrzeit. Christian senkte die Stimme, als er mit der Uhrzeit hervorrückte und Tim nur „okay“. Wirklich mal eine Überraschung.

Habe ich schon erwähnt, dass wir über die Einführung eines Klassenbuches nachdachten? Ich wäre Klassenbuchträgerin – an dieser Stelle möchte ich noch einmal betonen, dass ich mich dafür nicht melden würde, die Aufgabe, sofern sie mir übertragen wird, annehmen würde. Im Grunde bin ich nämlich gegen ein Klassenbuch. Jeder würde seine Aufgaben und Pflichten nur noch für einen positiven Eintrag ins Klassenbuch machen – keine intrinsische Motivation mehr. Es war eine ziemlich lange Sinnlosdiskussion. Tim wäre natürlich der Lehrer. Wer sonst? Ich weiß gar nicht, was Christians Beitrag gewesen wäre. Wir haben es bis zum Ende nicht geschafft, ein Klassenbuch zu basteln – besser so. Obwohl wir seitdem oft sagen „dafür bekommst du einen positiven Eintrag ins Klassenbuch“.

Weitere Anekdote: Tim verschusselt stets und ständig seine Sache. Er hat seine Bauchtasche verloren geglaubt. Auf der Suche nach einer Zahnbürste für Christian (er hatte seine am letzten Campingplatz liegen lassen), hat er diese in einer unteren Rucksacktasche wiedergefunden – zusammen mit Christian ebenfalls verloren geglaubten Kopflampe. Was eine Freude!

08.November 2011 – Dienstag

Um 6.40 Uhr schellte der Wecker. Gleich mal wieder die Haare professionell unter dem Wasserhahn der DOC-Campsite gewaschen. Um 7.30 Uhr rollten wir Richtung Carpark Wanderweg. Wir hatten es doch tatsächlich mal pünktlich geschafft. Natürlich hatten wir noch nicht gemahlzeitet. Also Müsli ausgepackt. Matthias wartete, ungeduldig Füße scharrend neben uns.

8.20 Uhr Aufbruch zum Wandern. Matthias ist leidenschaftlicher Wanderer und gemeinsam mit Christian legte er ein gutes Tempo vor. Matthias beklagte noch, dass wir später als die Touribusse in die Gänge gekommen sind – nach etwa einer halben Stunde hatten wir mit Sicherheit die Hälfte der Mit-uns-Wandernden eingeholt.

Langsam kamen wir oder ich spreche nur für mich, langsam kam ich aus der Puste. Nach 40 Minuten strammen Marsch begann der Aufstieg (Treppenstufen). Wenn ich wirklich etwas nicht mag beim Wandern, dann sind es Treppenstufen!

Gegen 10 Uhr kamen wir dann am Pfad zum Aufstieg auf den Vulkan „Ngauruihoe“ an. Für all die Wanderfreudigen war dies ein extra Pfad neben dem eigentlichen Tongariro Crossing Track. Christian, ungeduldig und wanderwütig wie er war, bog schon vor dem Pfadschild (er hatte Bedenken, ob überhaupt noch eins kommt) ab und suchte sich seinen eigenen Aufstieg. Zu diesem Zeitpunkt war uns dies noch zu heikel. Tim, Matthias und ich marschierten also weiter bis zum Schild – nach einer kurzen Diskussion, ob wir den Aufstieg tatsächlich wagen sollten, machten wir uns auf den Weg. Die ersten Meter wurden wir noch anhand von Eisenstangen durch die großen Steinmassen geführt. Doch schon nach 15 Minuten begann das „Abenteuer“, es hieß sich seinen Weg allein zu bahnen. Tim bekam immer mehr Zweifel an der Aktion. Matthias und ich ließen uns aber nicht zum Anhalten bringen, also zog auch Tim mit. Ich muss zugeben, dass Matthias ein unglaubliches Tempo vorgelegt hat und ich ihn während des Aufstiegs schnell aus den Augen verlor. Der Vulkan war wirklich steil! Erst kamen große Steine, die das Klettern erleichterten. Problemtisch waren die Abstände zwischen diesen großen Gesteinsmassen. In denen lag nur Geröll, kleine Steine, wodurch man ständig wegrutschte. Mein Schuhwerk war natürlich nicht auf eine solche Wanderpartie eingestellt. Alles Jammern half nichts. Ich wollte auf den Vulkan. Plötzlich hörte ich Tim schreien „Desi, Achtung Wolke“- innerhalb von Minuten zog die Wolke auf uns zu, bis wir plötzlich mitten drin waren.

Es war wirklich unglaublich schön, Wolken so nah sein zu können. Nur kurze Zeit später hangelte ich mich an dem Vulkan ÜBER den Wolken empor. Das beste Erlebnis dieser Reise! Ich will eine Wolke sein!

Die letzten 150 Meter gings dann durch Schnee – zu Tim meinte ich nur „Ich hab kein Bock mehr“. Ich war wirklich erschöpft, quälte mich aber durch die Schnee-Fußstapfen der vorherigen Wanderer! Der Wind nahm enorm zu. Mir entgegenkommende Italiener meinten nur, ich soll bloß aufpassen, oben sei es furchtbar windig. Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, dass es noch windiger werden könnte. Meine Füße waren pitschepatsche nass als ich schließlich am Krater ankam. 2291 Meter waren endlich erklommen! Matthias, Tim und Christian standen schon am Kraterrand und jubelten mir Motivationssprüche entgegen. Und tatsächlich: Ich musste mich sofort setzen, der Wind wehte stark! Ich holte Handschuhe hervor, nahm die Kamera aus dem Rucksack und musste plötzlich Acht geben, dass der mir nicht wegfliegt. Nur ein paar Fotos wurden geschossen, dann gings wieder runter. Eineinhalb Stunden Aufstieg, für zehn Minuten Krater-Gucken. Es hat sich gelohnt! Allein wegen der Wolken! Und es war spannend, sich seinen eigenen Weg hinaufzubahnen und nicht zu wissen, dass man der 5 Millionste Mensch ist, der genau auf diesen langwandert.

Christian und Matthias hatten im Übrigen gehofft, Tim und ich hätten den Aufstieg nicht fortgesetzt, einerseits wegen der Wolke, die uns plötzlich umschlang und andererseits wegen meines doch eher nutzlosen Schuhwerks. Aber hat ja alles geklappt! Ein halben Cookie-Monster-Keks und runter geht’s den Berg.

Animiert von Ski-Fahrern, setzten Christian und ich uns auf unseren Hosenboden und rutschten die Schnee-Meter hinab. Wir vergaßen dabei, wie steil der Vulkan war und konnten nicht stoppen – mit einer guten Geschwindigkeit schlidderten wir in die Gesteinsmassen. Christians Rutschpartie endete tatsächlich blutig. Der Abstieg war auch im Folgenden ziemlich schmerzvoll. Auf dem Geröll artete es in teilweise Rutschpartien aus. Ständig schrien wir „Achtung Stein kommt angerollt“ – zu den unter uns Wandernden. Mehr als fünf Mal bin ich hingefallen „5 zu null Schwerkraft gegen Desi“.

Nach drei Stunden extra-Marsch gings zurück auf den regulären Crossing Track. Der war mittlerweile total vernebelt und in Wolken eingehüllt. Wir mussten uns von einem Metallpfeiler zum nächsten vorkämpfen. Freilich gabs wieder reichlich Schnee. Immer, wenn die Schuhe ansatzweise getrocknet waren, kamen weitere verschneite Wiesen auf uns zu. Kleine Anekdote: Im Nebel konnte man wirklich nichts erkennen, ich dachte ein Auto zu sehen, es stellte sich heraus, dass es sich um einen großen Stein handelte – dabei war ich mir so sicher…

Es ging wieder bergauf. Auf Grund des Nebels hatten wir keine Idee mehr, ob wir richtig waren. Also erkundigten wir uns bei anderen Wanderern, so sicher waren die sich auch nicht, der Weg wurde dennoch fortgesetzt. Ich muss ehrlich zugeben, dass wir über die Rückkehr zum Carpark nachdachten. Tim war an dieser Stelle treibende Kraft es nicht zu tun und den Weg einfach fortzusetzen, ein Glück!

Schließlich kamen wir an den stinkenden, aber wunderschönen Kraterseen an. Sogar die Wolken verzogen sich und wir konnten den wunderbaren Anblick in vollen Zügen genießen. Der Geruch zwang mich natürlich ein Ei zu essen!

Zwei Stunden folgten danach noch – bergab, bergauf. Ein kleiner Zwischenstopp an einer Hut in 1200 Meter Höhe. Der Weg bergab war langweilig und treppenstufenlastig. Gegen 17 Uhr erreichten wir endlich den Carpark am anderen Ende des Tracks.

Der Shuttlebus zum Ausgangsparkplatz holte Christian 17.30 Uhr ab – ich war im Übrigen die Einzige die an genügend Geld für den Transport gedacht hatte.

Bis fast 19 Uhr warteten Tim und ich, stinkend, auf Christians Rückkehr (25 Dollar pro Person im Shuttle, die wir nicht für jeden ausgeben wollten..). Tim und ich hatten schon Bedenken, Christian ließe uns zurück. Überlegten, ob wir uns ein Nest für die Nacht bauen sollten, aber wir hatten beide keine Kraft mehr in den Beinen.

Wir fuhren zum nächstbesten Motorcamp. 17 Dollar pro Nase, aber eine warme Dusche. Noch einen wunderbaren Chicken Burgen von Burger King gegönnt, dann fiel ich erschöpft ins Bett.

09. November 2011 – Mittwoch

Um 9 Uhr gings raus aus den Federn.

Eigentlich wurde ich nur für Milch und Jogurt in den Supermarkt geschickt. Zurück kam ich mit weiteren Bananen, Snickers, Croissants und einem fetten Milchkaffee. Man sollte mich nicht hungrig in einen Supermarkt schicken! Lecker wars.

Erstmals knallte die Sonne so richtig am Morgen – es wird Sommer.

Gegen 12 Uhr – zwei Stunden nach der eigentlich Check-Out Zeit schafften wir es, Richtung Taupo aufzubrechen.

In Taupo das übliche Spiel: Erstmal zur Touri-Info. Sowohl ich, als auch Christian, machten einen Ausflug zur örtlichen Toilette, bei unserer Rückkehr zur Info war Tim weg. Eigentlich konnte er nur in einem Secondhand Buchladen oder beim Sushi-Imbiss sein. Da wir das Auto dringendst mussten, sind wir ohne Tim los. Er schrieb mir dann „Wo seid ihr?“ – „Weg“, Christian und ich haben uns kaputt gelacht. Freilich waren wir nur zwei Straßen weiter…

Dann gings mal wieder in ein Café („Piccolo“) –Wifi nutzen. Tim und Christian machten die Autoanzeige fertig – aus Spaß überlegten sie ein Ferrari-Bild einzufügen, letztlich wurde es nur ein Robbenfoto. Tja und dann war es soweit: Wir bekamen unser erstes Knöllchen in Höhe von 21 Dollar, was wir im Übrigen vergaßen zu bezahlen. Mir solls Wurst sein, das Auto läuft ja nicht auf meinen Namen.

Nächster Halt waren die Buka Falls. „10 Dollar, wenn du reinspringst“ – unser running Gag. 200m² schießen da pro Sekunde durch. Glasklares, hellblaues Wasser.

Wir haben hier festgelegt, dass die beiden mich genau drei Minuten vermissen würden. Es gibt eine drei-Minuten „Desi ist weg Party“, nach den drei Minuten streichen sie das „Desi ist weg“ und es wird nur zu einer „Party“.

Dann machten wir uns auf den Weg zur abendlichen Doc-Site für schlappe 8 Dollar. Auf dem Weg fuhren wir an der Einfahrt zum Lake „Whakamaru“ vorbei, ein kostenloser Campingplatz. Genehmigt! Wir überlegten uns einen Wecker zu stellen, Tim nur „Ui ja, gefährliches Reisen, wenn morgen früh der Ranger kommt und uns zwingen will, die 0 Dollar zu zahlen“; wir ließen das also mit dem Wecker.

Keiner wollte sich bewegen. Die Jungs zwangen mich geradzu zum Kochen. Christian wollte die Türen des Autos wegen Mücken und Sandflies geschlossen haben (Licht brannte, weil wir alle am Lesen waren). Als ich aus dem Auto ausstieg, um Kocher und Geschirr rauszuholen, bemerkte ich, dass die Kofferraumklappe die gesamte Zeit über offen stand und wie die Jungs da vorn nichts ahnend im Auto saßen – ich hatte einen regelrechten Lachflash! Ich hab mich tatsächlich auf dem Boden zusammengekrümmt vor Lachen. Ich konnte nicht mehr! Es war einfach ein herrlicher Anblick. Die Jungs stiegen aus dem Auto und wollten wissen, was mit mir los sei, da sie es aber nicht witzig gefunden hätten, schwieg ich – den Spaß wollte ich mir nicht verderben lassen. Leider musste ich feststellen, dass der Boden voll mit Heu (oder sowas) bzw. Sägespäne war – meine Klamotten waren komplett eingesaut.

Letztlich half mir Tim beim Essenkochen. Gab mal wieder Nudeln. Eine weitere nette Anekdote dieses Abends: Die Feststellung, dass Tim ein ausgezeichnetes Bakterium wäre. Er braucht stets und ständig Nährstoffe und ein weiterer wichtiger Aspekt; auch Bakterien haben Sex, indem sie einen Stachel ausfahren. Na dann ist doch alles Palletti. So viel zu „Tim Klimbim“ (den Namen gaben ihm Christians Eltern vor ewigen Jahren – ein weiteres Geheimnis wurde gelüftet und ich hatte endlich einen neuen Spitznamen).

Es begann zu regnen. Tim „es muss aufgegessen werden“, Christian „es regnet“ – das Ganze wiederholten die beiden vier Mal. Kommunikation ist bei den Beiden manchmal nicht nachvollziehbar. Letztlich fanden sie eine Kompromisslösung: Christian stellte sich beim Essen hin, damit seine Schlafhose nicht so nass werden würde.

Dies sollte dann die letzte Nacht im Auto sein. Der Abschied nahte.

Eine letzte Anmerkung zum Klo auf dem Campingplatz: In der Dunkelheit hätte ich es fast nicht gefunden, die erste war ohne Toilettenpapier dafür aber von Käfern befallen; die zweite it Spinnen besät dafür aber mit Toilettenpapier – genommen!

10. November 2011 – Donnerstag

Die Nacht war geprägt von Regen, der Morgen von lautem Entengequake.

An diesem Morgen entfachte ein Bananenschalen – Schuh – Krieg. Christian braucht immer sein Aufmerksamkeit, da Tim und ich uns zwei Sekunden zu viel miteinander unterhielten, kam der junge Herr an und schmiss mit Bananenschalen nach mir. Rache! Schließlich klaute er mir meine Schuhe von den Füßen und packte sie auf hohe Baumäste.

Schließlich folgte der Aufbruch nach „Matamata“ von uns höflichst „Hobbithausen“ genannt. Bei unserer Ankunft ereignete sich folgendes Gespräch: „Wo ist das jetzt“ „Keine Ahnung“ „Was suchen wir überhaupt?“ „Hobbithügel“. Wir gingen in die Info, fragten nach der Hobbithausen Tour – 60 Dollar. Wir lachten kurz auf, dann verließen wir den Ort ohne jemals die Hobbithügel gesehen zu haben oder gesehen haben zu wollen…

Dann: Ankunft in Auckland! Erster Halt war Mount Eden – Vulkan. Ausblick über Wellington genießen.

Die Nacht konnten wir bei einem Bruder von einem Freund Christians verbringen. Der wohnt mit seiner Freundin, Irina (ursprünglich aus St. Petersburg), seit etwa März in Neuseeland. Die Russin konnte nahezu perfekt Deutsch sprechen, wobei sie nur wenige Jahre (ich glaube es waren zwei) in Deutschland verbracht hatte. Die beiden haben sich in Russland kennen gelernt. Er war den Abend über mit dem Aufbau eines riesigen Grills beschäftigt, während Irina, die Jungs und ich quatschten und X-Faktor ansahen. Ein gemütlicher Abend. Eine weitere Nacht im Auto – nun aber wirklich die Letzte!

11. November 2011 – Freitag

Auckland!

Tim war an diesem Tag recht angeschlagen. Mein kleines Medizinköfferchen (selbst kaum beansprucht) half aus. Christian meinte sogar „Du bist ziemlich hart im Nehmen oder?“ – ich berichtete vom weltberühmten „Hab dich nicht so lullig“-Satz, die Erziehung machts…

Es ging an diesem Tag noch zum Essen in den Foodcourt – lecker Sushi.

12. November 2011 – Samstag

Christian und Tim standen bereits um 9 Uhr auf – es war der Tag des Backpacker Auto Markts. Ich genehmigte mir um neun Uhr das kostenlose Frühstück im Hostel und legte mich danach wieder auf die Ohren.

Es wurde ein regelrechter Hangover-Tag über den mich eine Reihe „How I met your mother“ Folgen hinweghalf.

Gegen nachmittag war ich wieder in Redelaune und „freundete“ mich mit den deutschen Mädels (vorher auch sonst) in meinem Zimmer an. Die drei hatten sich im Flieger vor etwa einem Monat kennen gelernt. Sie alle reisen mit einer Organisation. Eine arbeitete nur im Hostel, eine als Barfrau, die dritte machte beides. Was ich an Mädchenzimmer wirklich liebe: Der Geruch, sie besprühten sich mit Haarspray, trugen Nagellack auf und entfernten ihn wieder und zum Schluss natürlich das gute, alte Deo.

Wir beschlossen am Abend gemeinsam feiern zu gehen. Im Hostel wurde vorgeglüht. Das Hostel war übrigens mehr als ulkig bzw. der Manager. Als ich am Nachmittag einen Film schaute und jemand neben mir schlafend auf dem Sofa lag, meinte er nur „Hier wird nicht geschlafen, dass ist ein TV-Room, das macht einen schlechten Eindruck, gehe ins Zimmer“. Mit einer deutschen Angestellten unterhielt ich mich freilich auf deutsch – es wurde uns untersagt. Die Küche schloss um 21 Uhr. Gäste waren nicht willkommen.

Tim und Christian verkauften Oscar für 3000 Dollar. Die Käufer waren, glaube ich, Inder. Die waren mehr als sauer, so die Beiden, da die Inder nur 2300 Dollar bezahlen wollten. Sie waren mit Oscar in der Werkstatt und der Check ergab einen maximalen Wert von 2000 Dollar (mit dem Campingequipment wären sie auf 2300 Dollar gekommen). Verhandlungsgeschick oder Not der Inder, was es auch war, Tim und Christian wurden den Wagen für 3000 Dollar los. Machten also einen Verlust von insgesamt etwa 160 Dollar. Tim nur „Ich bin sehr zufrieden, aber es wäre schöner gewesen, wenn sich die beiden Käufer gefreut hätten“.

Gegen Mitternacht brachen wir, die Mädels, Tim und ich zum Cassette-Club auf. Dort erwartete uns eine lustige Luftballonparty.

13. November 2011 – Sonntag

Wir zogen ins Nomads um. Das andere Hostel hatte ausgedient. Es war wirklich kein Knüller.

Ich bin an diesem Tag allein zur Art Gallery und war in der Stadt bummeln. Nichts besonderes. Es war der vorerst (gedacht) letzte Tag mit Tim und Christian. Zum Abschied aßen wir gemeinsam beim Velvet Burger. Mit Christian genehmigte ich mir ein Abschiedsbier. Er meinte, ich bin ihm manchmal tierisch auf die Nerven gegangen, aber dennoch würde er mich vermissen. Tim meinte nur, dass er sich nicht freuen würde, dass ich wegginge – mehr durfte ich von grummel-Tim nicht erwarten, haha. Schon um 22 Uhr gings in die Koje.

14. November 2011 – Montag

Nach einem mir ewig erschienenem Abschied von den Jungs (etwa eine Stunde) – Natürlich kamen mir Tränen beim Abschied – es ist das einzige, was ich am Reisen wirklich nicht mag. Es geht mir immer wieder ans Herz. Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich Herzangelegenheiten nicht mag – brach ich gegen 10 Uhr auf zum Hitchhiking. Ich wollte Richtung Norden. Der nördlichste Punkt der Nordinsel war das große Reiseziel!

Ich wanderte durch die Stadt zum Hitchhiking-Spot, den ich am Tag zuvor im Internet ausgekundschaftet hatte. Es war die letzte Tankstelle vor der Abfahrt Richtung Norden. Leider musste ich bemerken, dass nach der Tankstelle eine große Kreuzung folgte – die Autos bogen in alle möglichen Himmelsrichtungen ab, nur ein kleiner Teil fuhr tatsächlich nach Norden. Ich versuchte es mit anderen Spots, konnte aber keinen Zugang zum Highway (und somit zu einer direkt dort gelegnenen Tankstelle finden). Vorbeikommende Fußgänger jubelten und feuerten mich an, gaben mir Tipps – ich sollte ans andere Ende des Highways (andere Brückenseite, aber ich war schon zu kaputt vom Laufen). Es half nichts. Nach zwei Stunden gab ich auf. Nahm den Bus um 12.30 Uhr nach „Pia here“ – ausgesprochen „Pie here!“.

Gegen 19 Uhr kam ich im Hostel an. Buchte sogleich einen Segelturn für den nächsten Tag. Ich teilte mir das acht-Bettzimmer im Hostel mit fünf englischen Mädels und zwei australischen Jungs. Die Jungs kannte ich bereits aus dem Bus. Die Leute überredeten mich am Hostel-BBQ teilzunehmen.

Im Hostel traf ich auf einem Herrn aus Karlsruhe – ein KSC Fan, endlich mal wieder Fussballgespräche! Außerdem feierte ein 70jähriger Rassist in der Bar seinen Geburtstag. Diese Inselmenschen!

15. November 2011 – Dienstag

Schon früh gings auf auf zum Segelturn. Der Kapitän begrüßte mich mit den Worten „Endlich mal wieder Deutsche. In letzter Zeit hatten wir so wenig Deutsche, dass wir dachten, etwas schlimmes sei dem Land zugestoßen“.

Die Tour ging um „Bay of Islands“. Auf dem Weg zu den tausend Inseln kamen wir an einer Delfinherde vorbei – mitsamt Babydelfinen. Ich habe noch nie in meinem Leben solch vergnügte Delfine gesehen, zugegen, es ist das zweite Mal, dass ich Delfine sehe, dennoch es war ein Spektakel! Selbst der jüngste Delfin ist übers Wasser geflogen wie ein großer. Die Delfine folgten unserem Boot, begleiteten uns in nur wenigen Meter (bzw. einem Meter) Entfernung. Kreuzten sich beim Springen,  schlugen mit ihren Flossen aufs Wasser. Herrlich! Der Ausflug hatte sich schon gelohnt.

An einer Insel angekommen, gings dann erstmal wieder wandern und bewundern. Auf einem Hügel konnte man die umstehenden Inseln bewundern. Mit einer Engländerin und einer Deutschen versuchten wir einen Loop zu laufen – schließlich versackten wir in über ein Meter hohem Gras und fanden kaum einen Weg zurück.

Am Strand erwartete uns der Kapitän mit einem Brunch. Dann, Premiere in Neuseeland, sprang ich ins Wasser. Mitten im November! Was für ein irritierendes Gefühl!

Ich freundete mich an Bord mit einem kanadischen Geschwisterpärchen an, das bereit war, mich am nächsten Tag mit zum Cape Reinga und dann die gesamte Strecke nach Auckland mitzunehmen. Nach einem Salat mit meiner neuen deutschen Freundin, nahm ich noch ein Bier am Abend mit den Kanadiern ein. Dann gings ins Bett – voll Vorfreude auf den nächsten Tag und den nächsten Roadtrip.

16. November 2011 – Mittwoch

Gegen 7 Uhr früh brachen wir Richtung Norden auf. Ziel war es, die Touribusse, die bereits eine Stunde früher aufgebrochen waren, einzuholen.

Das kanadische Mädel lebt nun schon seit drei Jahren in Neuseeland, arbeitet derzeit im Warehouse. Ihr Bruder kommt sie nun erstmals besuchen. Drei Jahre haben sie sich nicht mehr gesehen. Sie schossen tausende Fotos und hatten sich reichlich zu erzählen. Es tat gut bei so viel heiterer Kommunikation dabei sein zu dürfen. Es geschieht hier selten, dass man auf Menschen trifft, die wahres Vertrauen miteinander verbindet. Menschen so fröhlich zu sehen, hat mich selbst in Freude versetzt.

Noch vor den Touribussen kamen wir am Cape an. Dem nördwestlichsten Punkt der Nordinsel. Es ist ein Ort der Maoris. Sehr spirituell. Das Tasmansee trifft auf den Pazifischen Ozean für die Maoris ist es das Zeichen der Zusammenkunft von Mann und Frau. Und das habe ich mal ganz schlau kopiert: Für die Māori hat das Kap eine besondere Bedeutung: Von hier aus starten die Seelen der Toten den langen Pilgerweg zurück nach Hawaiki. Reinga bedeutet „Absprungplatz“ und Te Rerenga Wairua „Absprungplatz der Geister“. Der Baum „Pohutukawa“, etwa 800 Jahre alt und angeblich noch nie blühend, bzw. dessen Wurzeln sollen bis in den See reichen – er stellt den Überfahrtsort der Seelen dar. Ein sehr spiritueller Ort.

Ein Abstecher bei McDonalds, dann gings zurück nach Auckland. Die beiden setzten mich direkt vor meinem Hostel ab, Ich gab ihnen als kleines Dankeschön 20 Dollar.

Im meinem Nomads-Zimmer angekommen, lernte ich sogleich ein 28-jähriges Mädel aus Simbabwe kennen – eine wahre Frohnatur. Wir gingen zusammen in die Hostelbar, mit fünf weiteren Leuten aus unserem Zimmer. Dort traf ich noch auf Christian und seine zwei weiteren Freunde. Es war sein letzter Abend. Wir trennten uns leider mit einer ungemütlichen Auseinandersetzung.

17. November 2011 – Donnerstag

Abreise von Tim Klimbim und Christian. Nach der Auseinandersetzung am Vorabend klärten Christian und ich unsere Unstimmigkeiten noch vor seiner Abreise. Es blieb aber ein unschöner Abschied. Aber ehrlich gesagt, was ist an Abschieden schön?!

Zurück in meinem Hostelzimmer traf ich auf eine Französin, sie bemerkte, dass mich etwas bedrückte. Ich gab ihr eine Kurzfassung, daraufhin nahm sie mich in den Arm und gab mir ein Kuss – und plötzlich wurde mir wieder klar, wie wunderbar die Menschen um mich herum sind. Trotz des ewigen „Tschüss“, gibt’s halt auch immer wieder ein „Hallo“ und das „Hallo“ ist so viel schöner, überwiegt die kurzfristige Trauer.

18. November 2011 – Freitag

Diesen Tag nutzte ich größtenteils zur Überarbeitung meines Blogs. Es war einfach nichts los in Auckland bzw. war nicht viel los mit mir. Ich wartete nur noch auf meinen Rückflug nach Sydney. Es war wie in einer ewigen Warteschleife…

Natürlich nutzte ich das abendliche Programm der Cassette. Freitag gabs wieder mal Livebands. Diesmal eine wahrhaft gute! Witzige Elektromusik berauschte mich. Leider kann ich mich nicht mehr an den Namen erinnern… Es liegt nun auch schon wieder mehr als vier Wochen zurück…

19. November 2011 – Samstag

Mein letzter „voller“ Tag in Auckland. Endlich!

Mit dem Mädchen aus Simbabwe und einem Kanadier ging es ins Museum – es war für uns alle der letzte Tag und wir beschlossen nochmal etwas Sinnvolles mit ihm anzufangen. Ich war im Museum ziemlich gelangweilt, glich ist doch stark denen in Wellington und Christchurch. Außerdem bemerkte ich, dass sich zwischen den Beiden etwas anbahnte, also ging ich auf Abstand, machte mich schließlich gänzlich allein auf die Fersen. Den Kanadier hatte Christian im Übrigen auch kennen gelernt, bei einem Gespräch über Tim und Christian meinte der Kanadier nur „Ah the guy who kept saying Canadia“ – Christian versucht nämlich das Wort „Canadia“ einzuführen – basierend auf dem Wort „Canadians“ findet er es nicht zutreffend „Canada“ zu sagen.

Die beiden holten mich erst ein, als sie ein Taxi zurück zum Hostel nahmen, die waren tatsächlich zu faul zurück zu laufen! Ich wurde kostenlos mitgenommen – da habe ich natürlich eingewilligt und bin in das Taxi gesprungen.

20. November 2011 – Sonntag

Um 10 Uhr Check-Out. Ein kurzes „Adieu“ mit meiner Freundin aus Simbabwe. Dann setzte ich mich für zwei Stunden in die Bibliothek. Es war nichts anderes mit meiner Zeit anzufangen – fand ich.

Die Fahrt zum Flughafen dauerte ewig – glücklicherweise führte ich ein langes Telefonat mit meiner Schwester, was sie schließlich 200 Euro kostete. Danke dennoch für die gute Zeit!

Um 15:55 Uhr ging mein Flieger Richtung Sydney.

22. Oktober 2011 – Samstag

Auf geht’s – nach Milford Sound! Frühstücken in der Nähe des/r Mirror Lakes.

Nur hunderte Meter weiter staunten wir auf riesige Wasserfälle, welche an den Bergen runterprasselten. Ein kurzer Stopp an den Ausläufern der Wasserfälle musste reichen – Es lag noch reichlich Wegstrecke vor uns.

Am Mirror Lake hielten wir ebenfalls. Christian, unser Fotoexperte, hatte sich eigentlich auf geniale Bilder gefreut. In diesem See spiegeln sich die nahe gelegenden Berge. Leider war es an diesem Tag nicht windstill, so wurde nichts aus den ansehnlichen Bildern – mittlerweile meckern wir schon über Wellen im Wasser, ihr merkt unsere Ansprüche steigen rapide… Ein Scherz hatten sich die Kiwis an dem Lake noch erlaubt: Ein Schild „Mirror Lakes“ hatten sie spiegelverkehrt im See aufgestellt.

Gegen 15 Uhr kamen wir endlich in Milford Sound an. Im Übrigen ist Milford Sound ein etwa 15km langer Fjord der sich durch Gletscherbewegungen entstand.

Glücklicherweise gab es an diesem Tag noch eine Fähre, die durch den Fjord führte. Als wir in der Tickethalle ankamen, stürzten bereits zwei Touris auf uns zu „Wir müssen sechs Leute zusammen bekommen, damit diese Fähre heute Nachmittag noch ablegt“. Bei unserem Glück waren wir wenig optimistisch, dass sich genug Leute finden würden, wir bangten etwa eine halbe Stunde und letztlich waren über zehn Mann an Board. Der Trip konnte beginnen.

Die Fähre fuhr an hohen Wasserfällen vorbei, in denen sich Regenbögen spiegelten. Besonders Tim zeigte Interesse an den Farbenspielen. Die Berge türmten sich hunderte Meter sowohl zu unserer rechten, wie auch zu unserer linken Seite auf; besiedelt mit Bäumen. Unten auf den Steinfelsen tümmelten sich die Robben. An einer kleinen Herde Babyrobben hielt die Fähre. Eine kleine Robbe war vom Stein gefallen – ich hatte schon Angst, dass sie vor unserer Nase wegstirbt, aber die Fähre fuhr noch vor dem einkehrenden Tod weiter J. Randinformation: Die dort lebenden Robben können bis zu 150kg an Gewicht zulegen.

Wir wurden auch darüber aufgeklärt, dass es dort zu Berglawinen kommen kann. Sollte ein Baum ausgerissen werden, stürzen weitere mit ab. Milford Sound gehört zu den regenreichsten Regionen der Welt ist und wie durch ein Wunder regnete es nicht auf unserer Tour.

Am „Cascade River Camping“ schlugen wir unser Nachtlager auf. Es gab lecker Wraps. Tim und Christian kümmerten sich dann um ein Lagerfeuer – endlich hatten wir einen Platz gefunden, an dem wir unser Feuerholz, das mittlerweile seit drei Wochen im Auto lagerte, abbrennen konnten. Die Ereignisse der Tage hatten mich mürbe gemacht, ich ging früh schlafen und ließ die Jungs mit dem Feuer spielen.

23. Oktober 2011 – Sonntag

Der große Tag war gekommen – Rugby-Finale. Das hieß für uns: Bis spätestens 20.30 Uhr müssen wir in Queenstown sein.

Der Tag begann aber noch in der Milford Sound Region. Ohne schweren Backpacker-Rucksack nahmen wir uns an diesem Teil einen Abschnitt des Routeburn-Tracks bzw. Greenstone Tracks vor.  Der Walk gehört ebenfalls zu den „Great Walks“ in Neuseeland. Wir erklommen an diesem Tag aber nur eine Teilstrecke zum ersten erreichbaren Gipfel „Key Summit“. Am Gipfel angekommen gabs informationsblätter – auf einem eingerichteten Nature Walk konnte man sich selbst über Pflanzen, Moos und Tiere schlau machen (Schilder mit Zahlen neben dem Walk, die mit denen auf dem Informationsblatt übereinstimmten, dienten als Hilfestellung). Wir verbrachten etwa 2,5 Stunden auf dem Track. Den Track fand ich bis dahin schöner als den Kepler Track – aber den hatten wir wegen der Lawinengefahr ja auch nur zum kleinsten Teil absolvieren können, der Marsch durch die alpine Region wäre wohl am ansehnlichsten gewesen.

Um 15 Uhr düsten wir los Richtung Queenstown. Ich muss nicht erneut schreiben, dass die Strecke Richtung Queenstown an einfach unbeschreiblich schönen Naturlandschaften vorbeiführte – Seen, Berge. Das typische Neuseeland-Programm eben. Einen Schatz haben wir ebenfalls gefunden (Geocaching).

An diesem Abend gönnten wir uns einen Aufenthalt in einem Motorpark. Duschen! Dann gings aber auch schon in die Stadt, das Spiel begann in 15 Minuten. Übrigens zeige ich mich immer wieder irritiert über das öffentliche Alkoholverbot. Da wir es nicht missachten wollten, mussten zwei Bier also noch vor dem innerstädtischen Bereich geleert werden (das spart später im Lokal). Nach kurzem Herumirren fanden wir eine gute Bar. Bereits vollgefüllt. Alle sitzen belegt. Wir holten uns Stühle aus dem Spielcasino im Nebenraum. Kaum hatten wir Platz genommen und den ersten Pitcher geordert, begann auch schon das Spiel. Neuseeland gegen Frankreich.

Da Neuseeland Frankreich bereits in der Vorrunde mit einem überragenden Sieg nach Hause geschickt hatte und sich die Franzosen auch im weiteren Verlauf des World Cups nicht als härteste Gegner herausgestellt hatten, haben wir auf einen deutlichen Sieg der Neuseeländer gesetzt. Daraus wurde nichts. Die Neuseeländer zeigten sich weniger aggressiv. Weepu verschoss ein paar gute Bälle, wurde letztlich sogar aus dem Spiel genommen! Tja ist halt ein Finale, die Anspannung ist riesig und dann wird’s schnell langweilig, weil keiner Fehler machen will, darunter litt das sonst so schnelle, starke Spiel der Neuseeländer. Hab ich mir sagen lassen… Mit einem knappen 7:8 und wahnsinnig Nerven aufreibenden letzten Minuten schafften es die Kiwis aber! Sieg! Die Party konnte losgehen.

Der Haka-Tanz war im Finale übrigens wieder überragend! Die Franzosen machten einen auf tapfer und stellten sich den gröhlenden, tanzenden Kiwis in den Weg, ging bei jedem Haka-Satz/Strophe einen Schritt nach vorn – jeder wollte hier Stärke demonstrieren. Nach Abpfiff performten dann die Kiwi-Fans auf den Straßen für Haka-Tanz. Herrlich! Obwohl ich mir mehr Freude erwartet hätte – jedes Land zelebriert wohl anders.

Nach dem Spiel gings in die Koje, nur Tim schmiss sich noch ins Nachtleben.

24. Oktober 2011 – Montag

Labour Day und halb Neuseeland machte frei.

Da ich mal wieder Zeit für mich brauchte und in Wanderlaune war, nahm ich mir den Queenstown Hill vor. Die ersten Meter führten bergauf durch einen ziemlich düsteren, unfreundlichen Wald. Aber es duftete!- und erstmals habe ich an Weihnachten gedacht. Nach etwa zwei Stunden kam ich an einem Zaun an. Absperrbänder lagen auf dem Boden. Ich sah auf dem höchsten Hügel den ich dort oben entdecken konnte mehrere Personen und ein Fahrzeug. Ich vermutete weitere Backpacker, die sich über die „Verbotszeichen“ hinweggesetzt hatten und die Aussicht genossen. Der eine hatte eine gute Kamera dabei, da meine langsam den Geist aufzugeben scheint, hatte ich gehofft, von ihm ein paar Fotos geschickt zu bekommen. Also tat ich es ihnen gleich, kletterte über den Zaun und marschierte auf die Leute zu. Es verwirrte mich nur etwas, dass das Fahrzeug den Hügel immer wieder rauf und runter fuhr. Als ich das Fahrzeug dann endlich erreicht hatte, war ich noch mehr erstaunt, als mich zwei erwachsene Menschen, einer als Hobbit, der andere als Gandalf verkleidet, begrüßten und mich fragten, ob ich schon „Hobbits gesehen hätte“. Da mich auch das nicht zur völligen Verwunderung trieb, lief ich geradewegs den Hügel hinauf. Oben angekommen, merkte ich: Keine Backpacker. Profi-Fotografen, jedenfalls wenn man sich das Equipement ansah. Ich fragte dann, was die Herren denn eigentlich tun würden. Darauf folgte eine alles erklärende Antwort: Das Fahrzeug, es handelte sich um einen Landrover mit reichlich Rugby-Verzierung, sollte im englischen Sun-Magazin beworben werben. Die Werbeaufnahmen waren für die Umgebung in Queenstown geplant, da alle umgebenden Berge Drehorte für „Herr der Ringe“ waren. Da scheinbar jeder Neuseeland nur mit „Herr der Ringe“ verbindet, lässt sich ein solches Rugby-Auto freilich nur mit Gandalf und Hobbit vermarkten. Ich durfte den Herren dann noch ein wenig bei der Arbeit zusehen, selbst ein paar Schnapsschüsse schießen. Ich entschuldigte mich übrigens auch dafür, denen ständig durchs Bild gelaufen zu sein. Der Männer waren aber eher amüsiert über mich und zeigten sich interessiert an meinem Marsch durch die Hügellandschaft. Es gab keinen Ärger – in Neuseeland hätte mich das stark verwundert. „Sweet as“ lautet das Motto.

Nach dem dann doch vierstündigen Marsch auf dem Queenstown Hill, traf ich mich gegen 18 Uhr mit Tim und Christian zum Essen. Bereits dreimal bekamen wir die Empfehlung: „Fergburger“. Es soll einer der besten Burger der Welt sein – Preis/Leistungs-Verhältnis stimmten (10 Dollar für einen gut bepackten, frischen Burger). Da ich Durst hatte, überredete ich die Jungs nicht im Lokal zu essen, sondern einen Tisch am See zu suchen – eine einfach herrliche Idee. An diesem Tag stürmte es so sehr, dass uns das Essen fast um die Ohren flog. Da ich so damit beschäftigt war, meinen Burger nicht an den Wind zu verlieren, schaffte ich es kaum, mein Getränk, wegen dem wir diese Strapazen aufgenommen hatten, zu trinken.

Als wir später im Auto saßen und über Tims Zeltschicksal nachdachten, rauschten Windrosen an uns vorbei! Ich habe nie so heftige Winde gesehen. Müll flog über die Straßen, Styroporplatten wurden vor unseren Augen vom Wind in tausend Stücke zerfetzt. Wir ließen Tim also in ein Hostel einchecken. Christian und ich fuhren zum „12 Mile Delta“ Campingplatz, von anderen Leuten wurden wir bereits vorgewarnt, dass der Ranger gegen acht Uhr käme – da wir die sieben Dollar sparen wollten, stellten wir einen Wecker.

Der Regen an diesem Abend und in der Nacht war heftig. Wir konnten nicht mal raus zur Toilette, ohne völlig nass zu werden.

Unser Auto stellte sich einmal mehr als nicht wasserfest heraus. Nach einer halben Stunde im Auto hatte Christian eine kleine Pfütze auf seinem Bein. Platsch. Wir versuchten das Auto so umzuparken, dass das Wasser ablief. Christians Idee zeigte Wirkung, tatsächlich wurde unser Auto nun nicht mehr „geflutet“.

25. Oktober 2011 – Dienstag

Unser Wecker schellte, wir wurden munter. Ein Blick aus dem Fenster machte deutlich: Der Ranger ist bereits auf seinem Revierposten. Wir entschieden uns ohne das Auto umzubauen, einfach loszufahren. Da kam der Herr Ranger schon angerannt. Es klopfte an die Tür und wir bezahlten die sieben Dollar pro Person. Dann hauten wir uns wieder auf die Ohren.

An dem Tag passierte mal wieder nicht viel. Ich saß ganze vier Stunden bei Starbucks und habe gelesen.

Um 18 Uhr gabs erneut einen Fergburger. Diesmal mit Chicken und Bacon

. Yummi!

Ich wollte den Abend in der Stadt zum Ausgehen nutzen. Tim und ich verabschiedeten uns also gemeinsam ins Hostel – das wohl beste der Stadt, jedenfalls laut der Referenzen. Tatsächlich hatte das „Queenstown Adventurer“ die besten Hostel-Duschen die ich bisher gesehen habe, alles neu und recht modern, edel. Tolle, große Steinplatte, Glastüren zu den Duschen! Ach, ein Backpacker Traum. Die Küche war sehr süß, es sah aus wie eine Wohnküche – in L-Form mit einer Theke. Alles mit (nicht zu altmodischen) Holzfronten ausgestattet – zu schade, dass wir nicht mehr kochen mussten. In unserem Zimmer schliefen noch zwei weitere Leute. Eine niedliche Idee dieses Hostels: Jeder bekam einen von Kindern bemalten laminierten Zettel, konnte seinen Namen draufschreiben und ihn an sein Bett kletten. Die Bettwäsche war ebenfalls großartig – von Ikea, jedenfalls sahen die Muster darauf sehr danach aus und jedes Bett hatte unterschiedliche Bettbezüge! Großartig. Es sind die kleinen Dinge, die mir hier ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Tim und ich genossen unsere Freiminuten im Internet. Dann plötzlich wurde es dunkel: Stromausfall in ganz Queenstown! Ich hatte schon Angst, dass aus unserem Tanzabend nichts mehr wird, aber nach etwa vierzig Minuten war das Problem behoben. Um 23 Uhr gings raus in die Stadt! Der erste Club erwies sich als pleite. In den zweiten kam Tim nicht rein, weil er keinen Ausweis dabei hatte. Der dritte war prall gefüllt und eine eher hässliche live-Band performte recht gute Musik. Da die Stimmung aber kein Hit war, zogen wir weiter. Einen Techno-Schuppen mit nur drei an der Bar sitzenden Leuten lehnte ich dann ab. Letztlich zog es uns in eine Nebenstraße – ach herrlich Musik, seit Ewigkeiten habe ich mal wieder zu den „Hives“ das Tanzbein geschwungen. Erinnerungen an die legendären Treptower-Park Zeiten wurden wach!

Gegen drei Uhr ging ich ins Bett. Tim tanzte noch eifrig durch die Straßen. Aber am nächsten Morgen wartete um 10 Uhr ja schon wieder der Check-Out auf uns…

26.10.2011 – Mittwoch

Check-out war zwar erst um 10 Uhr und nach so einer kleinen Tanznacht ist man auch um 10 Uhr noch nicht wach, aber glücklicherweise hatte wir einen netten Zimmergenossen, der sein Handy im Raum vergessen hatte und – es klingelte, klingelte, klingelte. Er sorgte dafür, dass wir nicht erst um 10 Uhr sauer auf unseren Wecker werden würden, sondern schon um 8 Uhr von einem penetranten Anrufer aus unseren Träumen gerissen wurden. In diesen Momenten sehnt man sich schon wieder nach einem langen, gemütlichen Morgen im Van.

Um 10 Uhr trafen wir uns dann mit Christian zum Frühstück am See – diesmal war es windstill. Christian war ebenfalls in schlechter Stimmung – der Ranger hatte ihn wieder erwischt, diesmal schon um sieben Uhr „weil immer wieder Leute versuchen, mir zu entkommen“. Lustig, ernsthaft?!

Gegen Mittag widmeten wir uns dem nächsten Hügel: Wir erklommen den Gondola Berg. Der heißt so, weil da eigentlich jeder mit einer Gondel hochfährt – jeder der mehr Geld und keine Wanderschuhe in der Tasche hat. Da auch die Aussicht von dort oben nicht überwältigend war, die Launen immer noch getrübt, spendierte ich unserer kleinen Runde ein Eis.

Die Jungs hatten an diesem Abend übrigens ihren vierten Fergburger in Folge. Ich verzichtete. Man muss ja auch mal auf seine Linie achten.

Am Abend, Christian hatte die Schnauze voll vom Ranger und seinem Gebiet, campten wir nicht weit von Queenstown am Moke Lake. Bei unserer Ankunft bauten dort schon drei Backpacker ihr Zelt auf, Christian hielt mit dem Auto drauf. Wir taten so, als würden wir sie überfahren wollen. Für einen Moment waren die drei wirklich überrascht und empört. Wir lachten und fragten „Wollt ihr unsere Freunde sein?“. Sie bejahten, leider ergab sich am Abend aber keine gemütliche Plauderrunde. Christian brachte den Vorschlag, alles, was unsere neuen Freunde machen würden, nachzuahmen. Witzigerweise bauten sie das Zelt auf und spielten danach Frisbee, also wir auch! – zum Glück nur die Jungs, so konnte ich mich aus dem Frisbee-Spiel raushalten. Unsere Freude haben es nicht gemerkt, letztlich haben wir es auch nicht ernsthaft betrieben, vor allem als wir sahen, dass sie sich zum Wandern fertig machten… Ich hatte nur einen kurzen Plausch mit den Dreien. Eine Deutsche und zwei Belgier, der eine Belgier besuchte seinen Freund, den anderen Belgier, für drei Wochen. Letzterer reist mittlerweile seit sieben Jahren durch die Welt und wird versuchen, es so lange es eben geht, fortzusetzen.

27.10.2011 – Donnerstag

Diesmal haben wir ausgeschlafen, bis 10 Uhr. Gegen neun Uhr kam unser Freund, ja richtig, der Ranger, den auch für diesen Campground war er verantwortlich.

Christian hat dort noch einen nahe gelegen Hügel beklettert – und auf dem Gipfel ein totes Ziegenskelett gefunden. Ein Mann erzählte ihm dort vor einem Jahr drei Ziegen geschossen zu haben. Er hatte sich wohl gewundert, wer da nun schon wieder auf dem Hügel rumkrakselt.

Dann gings auf zum Lake Wanaka. Dort bummelte ich nur durch die Stadt. Ziemlich klein, landschaftlich aber ein weiteres Highlight.

Abends nächtigten wir in einem Motorcamp – 15 % Rabattmarken haben uns die Entscheidung abgenommen. Meine Idee in einem Hostel zu schlafen, starb an den hohen Kosten pro Nacht. Wir machten gerade Pizza, als uns ein Auto entgegen rauschte, das uns zu umzufahren versuchte – unsere Freunde vom Vortag hatten es auch ins Camp geschafft!

28.10.2011 – Freitag

Heute wird’s spannend! Skydive-Tag. Wir wachten morgens auf – und natürlich war der Himmel voller Wolken. Gegen 10 Uhr sollten wir im Skydive-Center anrufen und nachfragen, ob ein Sprung möglich sei. Christian rief schon voll schlechter Vorahnungen an und war überrascht als die Stimme am anderen Ende der Leitung meinte „Nein kein Problem. Kommt vorbei, die Wolken ziehen weiter. Lasst uns sehen, wie und ob sich der Himmel noch aufklart“. Tim hatte sich am Morgen gegen einen Sprung entschieden. Also machten sich nur Christian und ich auf den Weg zum Skydive Center. Dort wurden wir freudig begrüßt – wir gingen, ehrlich gesagt, immer noch davon aus, nicht springen zu können. Wir bekamen eine handvoll Zettel in die Hände gedrückt und wurden in einen TV-Raum geschickt, der wie der Innenraum eines Flugzeugs gestaltet war. Skydive-Sicherheitshinweise. Danach sollten wir Musikstücke für unsere DVD vom Sprung auswählen. Tja und dann gings auch schon los. Alle wurden dazu angehalten nochmal auf Toilette zu gehen.

Wir bekamen die hübschen organe-roten Anzüge übergezogen. Dann kam ein Kamera-Mann – als ich ihn sah, aber ich tatsächlich gehofft „sei mein Mann“! und er war es. Der Tag wurde besser und besser. Mein Tandemsprungpartner war ein Brasilianer, ebenfalls ein hübscher, starker Mann. Ich fühlte mich in keinem Moment schlecht aufgehoben.

Mit uns sprang im Übrigen noch eine (indische?) Familie. Ich meinte nur „Familienausflug“, da lachten sie und bestätigten. Manche gehen in den Zoo, andere machen eben einen Skydive.

Ich war schon ganz schön aufgeregt und hätte dort nur rumhüpfen können. Dann gings los und wieder war ich die erste die zum Flugzeug marschieren durfte. Ständig umgeben von Kameramann und Tandempartner, die ewig oft die Daumen hoben oder komische Gesten Richtung Kamera machten, freilich musste ich fleißig mitmachen.

Dann, gegen 11 Uhr, gings ins Flugzeug, es folgte ein etwa 20 minütiger Flug, mein Kameramann zeigte mir immer wieder, wie hoch wir mittlerweile waren. Der Flug schien ewig. Im Kopf summte ich „Everything is all right when I’m flying down and it feels so good“. Ich war wirklich super drauf, Vorfreude ist die schönste Freude.

Plötzlich fing mein Tandempartner an meinen Oberkörper durch die Gegend zu schleudern – ahh, ich werde festgemacht. Dann saß ich bis zum Sprung auf seinem Schoss, sehr gemütlich und ein empfehlenswerter Platz, haha.

Plötzlich zog mein Kameramann die zugezogene Tür des Flugzeugs auf, draußen war er. Mein Tandempartner schob mich auf der Sitzbank nach vorn, stellte sich an den Türausgang; ich hatte gerade den Kopf an seine Schulter zurückgelehnt (wie es die Sicherheitsanweisung vorgegeben hatte), da gings auch schon los. Plötzlich flog ich durch die Lüfte. 15000ft hoch. Mein Mund war aufgerissen und ich schrie – die gesamte kalte Luft schien in meinen Mundraum zu dringen. Wirklich dünne Luft da oben. Zuerst sah ich nur eine Wolkenwand unter mir und es war das Beste überhaupt! Wolken sind einfach wunderbar! Der Kameramann versuchte meine Hände zu greifen, leider konnte ich ihn nicht halten, plötzlich flog er mit meinem Handschuh davon. Der Tandempartner leitete uns durch ein Wolkenloch. Dann war die Landschaft unter mir sichtbar. Schon ging der Fallschirm auf. Mein Tandempartner machte eine Linksdrehung und eine Rechtsdrehung und ich „hui“. Ein tolles Gefühl. Er fragt mich, ob alles in Ordnung sei „ich will mehr“!  Schließlich kam das, worauf ich nicht gewartet hatte – die Landung. Beine angehoben bis mein Partner mir ein Zeichen gab, die letzten Meter sind wir gerannt. Der Skydive war vorbei.

Ich war glücklich! Wir warteten schließlich noch über eine Stunde auf unsere Fotos und die DVD. Letztlich schauten wir uns die DVD-Aufzeichnungen vor Ort an. Im Übrigen auch die des Familienausflugs – das Mädel sah aus, als würde sie sich jeden Moment übergeben. Schade nur, dass man das Geschrei auf der DVD nicht hört – es wäre laut geworden im Wohnzimmer.

Den restlichen Tag genossen wir in der Sonne bei einem Salat und einem Eiscafé in Wanaka.

Am Abend überredete uns Tim auszugehen. Unser Motorcamp war leider mehr als 10 km von der Stadt entfernt. Etwa drei Kilometer waren Gravel-Road, diese beschlossen wir mir dem Auto vorzufahren. Die übrigen sieben Kilometer zur Stadt liefen wir – nach 1,5Std. hatten wirs dann auch schon geschafft. Die erste Bar, in die wir unsere Köpfe steckten, war leer. Wir irrten umher und fragten nach „Insidertips“. Letztlich endeten wir in einem Bar-Club. Ein Mädel feierte dort ihren Geburtstag, die Eltern mit am Tisch sitzend. Eher zufällig setzten wir uns an den Tisch; mehr als überraschende Blicke trafen uns. Der Vater spielte später sogar eine Runde Kicker mit uns.

Irgendwann zogen wir zurück zur ersten Bar – Highlight hier: Eine Skater-Halfpipe in der Bar – irgendein betrunkener Skater konnte sein Board nicht mehr kontrollieren und es knallte mit voller Wucht gegen einen Tänzer. Aber dennoch eine gute Idee. Nette Tanzmusik.

Etwa zwei oder drei Uhr morgens machten wir uns auf den Heimweg. Wir hatten auf dem Hinweg eine Privatparty, die Jungs lungerten an den Fenstern, um zu erspähen, ob dort noch „feiertüchtiges Material“ rumlag. Letztlich fanden sie nur einen Badereifen – einmal mehr Spielspaß!

Die Sterne funkelten. Wir philosophierten über die Sterne. Ein herrlich klarer Himmel! So ist das Nach-Hause-wandern keine Last. Christian erspähte die meisten Sternschnuppen, meinte wir müssten nur fünf Minuten konzentriert zum Himmel schauen und würden mehrere sehen. Wir blieben also stehen – es dauerte keine Minute bis wir die erst Sternschnuppe dahinfliegen sahen.

Ein wunderbarer Tag.

29. Oktober 2011 – Samstag

Es war ein Hangover-Tag. Ich hatte keine Lust zu nichts. Das tat ich dann auch. Nichts. Ich habe erstmals Luna vermisst, die mich an diesen Tagen dazu zwingen würde rauszugehen, meinen Hinter zu bewegen und ihr ab und an liebevoll den Ball vor die Füße zu werfen. Eine wahre beste Freundin. So verbrachte ich den Tag mit „Iriving“; lesend.

30. Oktober 2011 – Sonntag

Heute gings mal wieder wandern und mal wieder nur ich allein, die Jungs konnte ich nicht überzeugen. Es gestaltete sich doch schwerer als gedachte einen Track zu finden. Der berühmte Track am Lake Wanaka war wegen Überflutung unzugänglich. Einen weiteren Weg, den ich mir herausgesucht hatte, war zu weit außerhalb. Also gings zum Dritten, dieser war wegen „Lambing“ geschlossen. Irgendwie landete ich dann am Walking Track „Diamond Lake“. Ein wirklich matschiger Aufstieg. Ich hatte den Ausblick, eine einsame Bank und einen wunderbaren Monster-Cookie für mich allein. Ein Hochgenuss! Drei Stunden wanderte ich dort umher. Auf Grund des Matsches wäre ich beinah einen Hang runtergeflogen, so habe ich mich nur auf alle Viere gepackt.

Damit Tim und Christian nicht ein weiteres Mal die Strecke zum Track fahren mussten, entschied ich mich es mit dem Fahren per Anhalter zu probieren. Die Straße war ziemlich ausgestorben. Ich wanderte langsam Richtung Stadt, nach etwa zwei Kilometern wurde ich von einem großen Backpacker Van mit fünf Tschechen aufgegabelt.

Beim Burgerladen „Luxury“ (empfehlenswert!) in Wanaka traf ich erneut, auf die mich wenige Minuten vorher abgesetzten Backpacker. Eine von ihnen schlich um unser Auto. Christian vermutete, wir würden im Parkverbot stehen – falsch gedacht. Es stellte sich heraus, dass sie Voreigentümerin unseres Oscars war. Nummernschild war dasselbe. Sie erkannte sogar ihre Bettbezüge und fragt nach der kaputten Tür. Herrlich. Sie hatte den Van für 1500 Dollar an einen Autohändler verkauft. Ein Jahr hat er sie durch Neuseeland begleitet. Die Welt ist so klein, selbst auf Reisen – oder gerade auf Reisen?!

Schließlich brachen wir Richtung Christchurch auf. Erneut übernachteten wir auf dem Campingplatz in Omarama. Dort trafen wir auf zwei schon sehr betrunkene Stuttgarterinnen, die in großer Schnatterlaune waren. Nicht mal ich kam groß zu Wort. Ich glaube drei Sektflaschen hatten sie zu den Quasseltaschen gemacht. Wir hörten uns ihre Reisegeschichten etwa dreimal an, naja nach dem dritten Mal ging ich schlafen. Das lustigste an den Mädels war ihr Auto, es war noch schrottiger als unseres. Es leckte überall – Öl kam schon zwischen Fahrer-und Beifahrersitz durch. Wegen ihrer Ölprobleme mussten sie teilweise wohl gefährlich schnell fahren. Ständig seien sie in einer weißen Wolke eingehöhlt. Sie hatten ihr Auto bereits in die Werkstatt bringen lassen, da sei dieses Leck entstanden, nun sei es zu teuer es flicken zu lassen – das Öl soll sich seine Wege bereits überall hin gebahnt haben. Öl ist übrigens enorm teuer – die beiden hatten Literweise im Kofferraum gebunkert.

31. Oktober 2011 – Montag

Ausnahmsweise fuhren wir als Erste vom Zeltplatz – daher konnten wir den Anblick vom qualmenden Auto der Mädels nicht miterleben. Schade.

Wir hielten für ein Frühstück am Lake Tekapo, der heftige Wind machte es nicht gerade zu einer unserer gemütlichsten Mahlzeiten.

In Christchurch hielten wir nur für eine Pizza bei Dominos.

Kleine Anekdote: Wir suchten noch einen Buchladen inChristchurch, Tim führte uns via Handy-Navigationssystem. Angekommen, schauten wir zu unserer Linken, wo der Laden stehen sollte – ein abgerissenes Haus. Wir suchten den nächsten Buchladen auf – ein weiteres abgerissenes Haus. Nach den großen Erdbeben im Februar ist Christchurch ziemlich tot…

Die Fahrt ging weiter zu einem abgelegenem Campingplatz am „Motunau Beach“.  Freiwillig zahlten wir den 10 Dollar Familienpreis in die Spendenbox.

Den herrlich-amüsanten Film „Four Lions“ gabs noch vor dem Einschlafen – empfehlenswert für die Freunde mit gutem, schwarzem Humor.

1.November 2011 – Dienstag

Um neun Uhr sind wir aus unserem Schönheitsschlaf erwacht – übrigens ist Schönheitsschlaf tatsächlich essentiell während dieser Campingtour. Eine Biene hatte sich in den Van verirrt – um sie in die Freiheit zu entlassen, machten wir die Zündung an und das Dachfenster auf (irgendwie hatte sie was gegen den Türausgang). Nachdem wir am Abend zuvor schon den Film über die Lautsprecher im Auto gehört hatten, war natürlich klar, was wieder folgen musste: Das Auto sprang nicht an. Batterie leer. Christian und ich machten uns also auf ins Dorf. Schon beim ersten Haus stand die Tür sperrangelweit offen – wir klopften und riefen. Ein alter Mann kam heraus, meinte, er sei gerade vom Fischen gekommen und seekrank gewesen. Freilich hatte er ein Starterkabel und war sofort bereit uns zu helfen. Er gab uns noch ein paar Viewing-Point-Tipps. Den Beach in der Umgebung schauten wir uns noch an.

Es ging danach über den Tourist-Drive Richtung Kiakoura. Das Örtchen wurde uns von mehreren Backpackern ans Herz gelegt (Franz Josef ließen wir dafür sausen, das Wetter wollte dort einfach nicht gut werden). Auf dem Weg dorthin, gab es noch einen Zwischenstopp an den „Cathedral Cliffs“ – genialer Anblick.

Wir nächtigten in „Goose Bay“ im Paja Camp – einem Campplatz direkt am Meer. Der dazugehörige Motorpark war nur wenige Minuten entfernt. Nicht auf dem eigentlichen Motorplatz zu parken, sparte uns Geld, dennoch durften wir Duschen und Küche nutzen. Alles für günstige 10 Dollar pro Person und Tag.

An diesem Abend sollte es ein weiteres Highlight geben: Das Jamie Oliver Pesto wurde gegessen! Lecker. Ich war Jamies Kochkünsten nie so nahe… Meine persönliche Glanzleistung an diesem Abend: Ich kam in den Essensraum und beschwerte mich bei den Jungs, sie sollen doch bitte die Türen zumachen, damit es nicht so zieht in den Raum – sie wiesen mich darauf hin, dass die „Fenster“ in dem Raum nur Rahmen waren, ohne Glas bzw. Plastefront. Aber gerne würden sie die Türen schließen.

02.11.2011 – Mittwoch

Guten Morgen Sonnenschein! Christian telefonierte mit seinen Eltern, erzählte von der netten Halbinsel, als ihn plötzlich eine Robbe anfauchte. Er hatte das riesige, graue Wesen, das nur etwa zwei Meter von ihm entfernt in der Sonne lag, nicht gesehen und war ein wenig überrascht. Dieses Land und seine Bewohner sind einfach nur herrlich! Sweet as!

Gegen 11 Uhr haben wir uns zum Shelter begeben, gefrühstückt. Es wurde mal wieder Zeit zum Wäschewaschen. Während die Trommel mächtig wirbelte, saßen wir im Auto und konnten uns die neuen Folgen von „Two and a half Man“ ansehen! Ich bin tatsächlich überrascht, wie gut sie Ashton Kutcher in die Serie einbringen konnten. War ich doch fest davon überzeugt, die Serie nicht mehr zu mögen, muss ich ihr wohl doch eine Chance geben.

Nach dem sehr entspannten Morgen gings am Nachmittag zum Peninsula Walk. Natürlich warteten gleich zu Beginn auf den Felssteinen zum Meer wieder massig Robben. Ich finde es etwas störend, dass alle Touris so nahe als möglich rangehen wollen. Eine kleine Herde wurde an diesem Tag verschreckt, flüchtete ins Wasser – sie fühlten sich vermutlich von den mehreren, kleinen, umherstehenden Touri-Gruppen eingekesselt.

Auf dem Wanderweg setzte ich mich auf einem großen Hang nieder und genoss den Blick auf das Meer. Nur Meeresrauschen. Ich liebe dieses Geräusch. Wenn ich nochmal die Meditationscd kaufen sollte, dann mit Meeresrauschen 1, 2 und 3.

Christian und Tim habe ich dann etwa 30 Minuten später unten auf einem Felsen rumspazieren sehen. Da wurde ich dann doch neidisch. Also machte ich mich auf. Ich will auch auf einen Felsen, haha. Der Felsen war nicht weiter spektakulär, viel interessanter wurde der Weg zurück zum Autoparkplatz. Auf dem Weg dorthin lauerten wiedermal hunderte Schilder – Warn- und Stopschilder vor den brütenden Möwen. Wie Mutti und Sandra wissen, habe ich so ganz eigene Erfahrungen mit Möwen in meiner Kindheit machen müssen – sie sind nicht meine größten Freunde. Da musste ich an hunderten, vielleicht waren es sogar tausende vorbei. Sobald man sich ihnen näherte, begannen sie zu bläken und plötzlich kamen weitere Möwen „wie zur Verstärkung“ angeflogen. Ich hatte tatsächlich Angst vor einem Überfall auf meine Person, dankbar schielte ich mit meinen Augen zu meiner Mütze. Die Möwen griffen letztlich nicht an. Sobald mir ihre Schreie zu laut wurden, versuchte ich so weit wie möglich auf Abstand zu gehen, war schwierig bei den Felswänden. Letztlich gelangte ich zum Parkplatz.

Dort erwartete mich ein einfach unglaublicher Anblick auf die umliegenden Berge – sie waren umhüllt von leuchtend grünen Nebelschwaden. Hab meinen Mund vor Staunen gar nicht zubekommen! So etwas Schönes habe ich ewig nicht gesehen – und rechts von mir die schlafenden Robben. Dieses Land packt mich immer wieder. Manchmal, wenn man es gar nicht mehr erwartet…

Am Abend schliefen wir erneut auf dem Campingplatz. Es wurde stürmisch. So stürmisch, dass ich mir anfing Sorgen um Tim zu machen. Gegen nachts um ein Uhr, fragte ich „Geht’s“, Tim daraufhin „Nein!“, „Sollen wir dein Zelt umbauen, willst du ins Auto?“ Er antwortete nicht. Ich machte also die Tür zu, schlief wieder ein. Nur 15 Minuten später rammelte es an der Beifahrertür  und wir wurden angebrüllt „Hallo?!“. Christian gab verärgert zurück  „Ich war gerade mitten im Traum“. Einfach mal wieder herrlich die beiden kommunizieren zu sehen! Der eine weiß nie, was der andere eigentlich will. Ich glaube, meist hören sie sich gar nicht zu. Jeder ist in seiner eigenen Welt, daraus ergeben sich dann oft ganz zauberhafte Dialoge, die mich noch Tage später zum Lachen bringen. Tim meinte dann „Schön, dass ihr hier drin schlafen könnt, aber mir fliegt mein Zelt gleich um die Ohren“. Also bauten die Jungs um, Christian immer noch reichlich verärgert über seinen aufgegebenen Traum. Und ich immer noch amüsiert über die Fehlkommunikation der Beiden.

03.November 2011 – Donnerstag

Wandern ist des Müllers Lust! Uff jehts inne Bersche. Besser gesagt: Auf den Berg. Mount Fyffe wartete auf uns. 12 Uhr gings los – noch war ich fröhlich und munter, ein Engländer weiß wie ne Wand im Gesicht von seinem zu-viel-an-Sonnencreme, hatte mich zum Schmunzeln gebracht.

Der Berg hatte es in sich. Schon nach 15 Minuten hatte ich das starke Verlangen wieder zum Auto zurückzukehren. Es war so verdammt steil! Meine Waden haben wirklich ein wenig Schmerz verspürt – ein wenig „einwärmen“ hätte ihnen gut getan. Nach dreißig Minuten kam ich an der ersten Sitzbank vorbei, beschloss aber meine Wanderroute bis zur nächsten Bank fortzusetzen – ein Fehler angesichts der Tatsache, dass über eine Stunde keine weitere Bank mehr kommen sollte. Nach etwa zwei Stunden kam ich am ersten Haltpunkt – der Hütte an. Ein zwanzig minütiger Stopp mit Tim im Sonnenschein folgte. Mittlerweile waren wir auf 1500 Meter Höhe. Nach drei Stunden hatten wir es zum Gipfel geschafft – 1602 Meter. Tschakka! Ich war diesmal Bummelletzte. Christian und Tim waren schon am Speisen. Der Engländer wartete im Übrigen auch schon auf dem Gipfel.

Der Weg rauf war bisher wirklich der anstrengendste – die letzten Meter führten durch Schnee. Es gab einen ständigen Wechsel zwischen bewaldeten und nicht bewaldeten Flächen – Jacke an, Jacke aus. Letztlich war ich so genervt, dass ich die Jacke im Rucksack ließ – mein einer Arm war wie taub, als ich oben ankam (was sicher auch am schnellen Höhenunterschied lag).

Christian hatte sogar ein Bier mit auf den Berg geschleppt – brüderlich geteilt.

Runter gings dann zur Abwechslung wieder mit Musik und halb-joggend. Auf der Hälfte des Weges traf ich Christian in der Sonne liegend. Wir warteten auf Tim. Und warteten. Und warteten. Ich begann mir Sorgen zu machen, er sei umgeknickt oder so. Ich schrieb ihm dann über Facebook (seine Handynummer hatte ich nicht), ob es ihm gut ginge – da kam er natürlich um die Ecke spaziert. Er hatte auf der Hütte noch einen Schatz gesucht. Etwa 40 Minuten hatten wir zu diesem Zeitpunkt schon im Gras liegend verbracht.

Am Abend gab ich Christian und Tim bekannt, dass ich mit ihnen weiterhin reisen würde – zurück auf die Nordinsel. (Ich hatte überlegt nochmal einen Weg zum Franz Josef zu riskieren, aber letztlich war der Wettervorbericht nicht allzu überzeugend und meine Zeit rann ebenfalls langsam dahin…).

Kleine Anekdote: Christian spielt ein Fußballspiel im Internet „zwei Minuten Manager“ – an diesem Tag hatte er gegen Los Herthanos gespielt – leider gewonnen. Christian hatte extra auf mich gewartet, damit ich „das Spiel“ gemeinsam mit ihm verfolgen konnte (das Spiel ist ein Liveticker, der etwa eine Minute dauert, sehr spannend…). Wie dem auch sei, nicht mal im Internet schaffts die gute, alte Dame aus Berlin. Blau-weiße Hertha: Ich vermisse dich… trotz allem.

04.November 2011 – Freitag

Um acht Uhr schellte einmal mehr der Wecker. Duschen, Frühstücken und auf gings zurück Richtung Picton. Picton war uns mehr als vertraut, vor allem eine bestimmte Straßen – meine Güte, wie oft wie an dieser, auf der Suche nach einer geeigneten Park- und Übernachtungsmöglichkeit, langedüst sind… Egal. Dreieinhalb Stunden Fährfahrt warteten auf uns. Highlights: Tim und seine vier fett belegten Sandwiches (sein Hungertrieb brachte uns während der Reise mehrfach zum Lachen). Außerdem: ein Dieb an Bord. Keine Verluste auf unserer Seite…

17.30 Uhr kamen wir auf der Nordinsel an.

Zwei Monate Neuseeland nähern sich dem Ende. Am Sonntag gehts um 15:55 Uhr nach Australien (Sydney) zurück. Das Kiwi-Land ist eines der schönsten Länder, die ich jemals bereist habe – meine lieben Reisepartner Christian und Tim haben mich nicht in einen Vulkan geschmissen und meine Launen in einem Van über diese Zeit ertragen. Vulkane, Kraterseen, grüne bzw. schneebedeckte Berge, Schafe über Schafe, Skydive – Neuseeland, irgendwann kehre ich zu dir zurück!
Nun freue ich mich aber erstmal darauf, die Welt wieder allein zu erobern – ohne Organisation, versteht sich…

Liebste Grüße und eine virtuelle Umarmung an euch, ihr Lieben

02. Oktober 2011 – Sonntag

Nachtrag: Nein, es hörte nicht auf zu regnen! Und ja, freilich warteten wir weiterhin auf Sonnenschein. Vergebens. Ich meinte nur „Vielleicht kommt ja morgen früh nochmal die Sonne raus“, Tim daraufhin „Hört auf mit eurem kack-Optimismus, das geht mir aufn Sack.“ Der Skydive wurde auch am nächsten Morgen nichts, der Himmel war voller Wolken.

Auf Grund des Dauerregens konnten wir zum ersten Mal feststellen, dass es an zwei Stellen ins Auto regnete. Irgendwo muss wohl eine Schraube locker sein. Einfach auf Sonne hoffen – in jedem Fall ist Sonne notwendig… Ach ja, die Jungs wurden in Auckland von einem Fremden angesprochen, der die drei aus dem Auto aussteigen sah und fragte „Do u live in that car? – oh shit!“. Es leben aber fast alle Backpacker in diesen Autos, so ist das eben auf großer Reise – man steht auf kleinem Fuß.

An dem Abend haben wenigstens die Blacks gewonnen, ich habe es bei einer heißen Schokolade und einem lecker riesen-Sandwich genossen. Ziemlich hoch sogar. Wir sind dann wieder zurück zum Zeltplatz – an diesem Abend gabs nochmal ein Lagerfeuer. Das Holz war durch den Dauerregen freilich ziemlich nass, wir versuchten dennoch unser Glück und juchee, etwas das Klappte. Wir haben zwar stundenlang die Frisbee geschwungen, um das Lagerfeuer am Leben zu halten, aber letztlich hatten wir über Stunden eine Feuerquelle. Später kamen noch Amerikaner auf den Campingplatz – natürlich mit ihrem gekauften Feuerholz, innerhalb von fünf Minuten brannte ein ihr Feuer rot-gelb-leuchtend.

Nicht allzu spät ging es ins Bett, letzte Hoffnungsfunken in uns glaubten noch an einen Skydive.

03. Oktober 2011 – Montag

Guten Morgen – nein nicht Sonnenschein, genau Wolken! Der Wecker klingelte um kurz nach sechs und es war keine Sonne am Himmel zu entdecken, alles grau – grau –grau. Der Wecker wurde also ignoriert. Kein Skydive, auch heute nicht. Weiterschlafen. Gegen acht oder neun Uhr schafften wir es dann aus unseren „Betten“ – nur Tim grummelte und wollte nicht raus. Letztlich schaffte es auch er aus den Federn und ohne Frühstück ging es um 10 Uhr auf den Weg nach Christchurch.

Nach einstündiger Fahrt hielten wir an einem netten Lookout-Platz, inmitten von Bergen, nahe des Arthurs Pass. Wir holten unsere Brote raus und schon kam ein lustiger, sehr frecher Papagei – Kea genannt. Später erfuhren wir, dass diese Vogelart zu den cleversten zählt und zu den seltenen (ebenso) im Schnee lebenden Papageienarten gehört. Ließen wir unsere Nahrungsbox aus den Augen, kam er schon an und versuchte die Box mit seinem doch recht spitzen, hakenförmigen Schnabel zu öffnen. Frech wartete er unter dem Auto darauf, dass wir uns entfernten. Ein wenig Angst machte mir das Federvieh schon. Nach nur wenigen Toasts stiegen wir wieder ins Auto und weiter ging die Fahrt.

Nach ewigen Kilometern kamen wir also in Christchurch an. Erste Haltestelle: Natürlich McDonalds – kostenlos im Internet surfen. Ich nahm all mein Optimismus zusammen und stellte noch eine „Emergency“ Anzeige bei Couchsurfing ein – nach dem Motto „Sind zu viert, brauchen nur einen Garten und einen Autostellplatz“. Zwischenzeitlich machten wir einen Großeinkauf bei „Pak n Save“ – trostlose Riesengänge, die großflächig mit gelben Schildern, auf denen Sonderangebote locken, verziert sind. Nicht einladend, aber günstig. Ein wenig Metro-Feeling, nur ohne die überdimensionalen Packungen. Aber eine neue Erfahrung habe ich gemacht: In Neuseeland gibt’s haufenweise Tabletten günstig im Supermarkt zu erstehen – über Ibu, Paracetamol und Aspirin. Allet! Nach etwas mehr als einer Stunde war der Wagen voll. Zurück zum Auto und nochmal über das McDonalds Wifi E-Mails checken: und da war sie! Ein Kerl namens Kyle hatte doch tatsächlich auf meine Couchsurfing-Anfrage reagiert und uns einen Schlafplatz in Aussicht gestellt. Wir riefen an, meinten wir hätten genug gekauft und könnten für alle kochen. Als wir dann aber im Auto über das Essen beratschlagten, fiel uns auf, dass wir aus irgendeinem Grund keine Mahlzeit zustande kriegen würden. So gings wieder in einen Supermarkt, nochmal einkaufen.

Gegen frühen Abend kamen wir bei Kyle an und mussten feststellen, dass der Schlafplatz, den er dort so großzügig anbietet, gar nicht sein eigener ist. Er selbst ist Kanadier und hütet  Haus sowie Katzen eines Neuseeländers, der gerade im Urlaub ist. Sollte uns nicht stören, wir freuten uns über die kostenlose Schlafgelegenheit. Neben Kyle wohnte eine weitere Couchsurferin dort, sie studierte in Christchurch (Biologie/Wissenschaft). Außerdem war ein indischer Couchsurfer zugegen, der ebenfalls dort studierte (Medizin). Gute sieben Leute füllten also die Bude. Wir stellten Spaghetti und reichlich Bier bzw. Whiskey-Cola. Gegen 23 Uhr fielen wir ins Bett – drei schliefen auf Matratzen auf dem Wohnzimmerboden, Tim schlief wegen seiner Katzenhaarallergie im Auto.

04. Oktober – Dienstag

Abreisetag für Florian. Wir standen also einigermaßen pünktlich auf, Florian war darauf bedacht mehr Zeit als nötig einzuplanen, meinte er doch, unsere morgendlichen „Fehlstarts“ zu kennen. Sein Flieger ging um elf Uhr. Schon um neun Uhr wollte er am Flughafen sein (Inlandsflug nach Auckland, dafür recht früh). Tim schaffte es tatsächlich nicht bzw. wollte nicht, so brachten nur Christian und ich Florian zum Flughafen. Ein kurzes Tschüss und weg war er.

Übrigens: Wir fragten Kyle, ob wir noch eine Nacht länger bleiben könnten – klar kein Problem zur Not müssen wir halt noch enger zusammenrücken und vielleicht mal Jemand unterm Tisch schlafen, denn es sollten noch mehr Couchsurfer kommen.

Zurück bei Kyle trafen zwei neue, weitere Couchsurfer ein, Benedikt und seine Freundin, deren Name mir leider entfallen ist. Die beiden machten eine Weltreise in drei Monaten, waren schon ein paar Tage in London und Amerika und hatten nun ihren Weg nach Neuseeland fortgesetzt. Plötzlich rumpelte es: Kurz nach elf Uhr mittags wurden wir Zeugen unseres ersten Erdbebens – Kyle meinte nur „nun seid ihr keine Erdbeben-Jungfrauen mehr“, recht hatte er! Das Erdbeben war von der Stärke 3,5 , wie man nur kurze Zeit später im Internet nachlesen konnte. Ich hatte erst gedacht, ein Laster oder ähnliches wäre vorbeigesaust und hätte dabei (Häuser in nur wenig stabiler Bauweise) einfach diese Geräusche und das Gerumpel ausgelöst. Ich war wirklich überrascht ein Erdbeben miterlebt zu haben.

Da das Wetter wiedermal bescheiden war, beschlossen wir den Tag fürs Waschen unserer Wäsche zu nutzen und konnten die zwei Deutschen zum Mitwaschen überreden. In einem gemütlichen Café (im  Jailbreaker-District) Waschmaschinen im Nebenraum warteten wir schließlich etwa zwei Stunden, wiedermal bei heißer Schokolade und gratis Internet. Wir lernten uns ein wenig besser kennen, die Freundin von Benedikt arbeitete bei einer deutschen Zeitung (Titel etwa „Familie, wir und Essen“) als Journalistin. Lustiger Zufall. Immer wenn ich im Supermarkt ein Produkt mit Jamie Oliver Gesicht darauf sehe, gerate ich ins Schwärmen und versuche die Jungs von der Produktqualität zu überzeugen. Der Preis spielt immer gegen mich und die Jungs sind mittlerweile genervt. Ich fragte das Mädchen also, ob sie Jamie kenne und sie begann sofort zu schwärmen: Er sei sogar vor kurzem bei ihr in der Redaktion gewesen und hätte etwas gekocht,  dabei hätten alle weiblichen Redakteurinnen nur noch Herzchen auf ihre Notizblöcke gemalt. Kleine Anekdote am Rande.

Danach gings noch ins Museum. Die knifflige Frage „Ist schon 15:30 Uhr, schaffen wir es noch bis 17 Uhr ins Museum“ (sie wurde tatsächlich in den Raum geworfen). Wir gaben uns einen Ruck und machten uns auf zum Canterbury –Museum. Auf dem Weg dorthin konnten wir zum ersten Mal die Spuren des großen Erdbebens sehen. Die Art Gallery (direkt gegenüber vom Museum) ist noch immer geschlossen und eingezäunt, Risse und Schutt um das Gebäude und im Gebäude deuteten auf die schweren Schäden hin.

Das Canterbury-Museum selbst ist sehr empfehlenswert und dazu noch gratis. Sehr nette Veranschaulichung der Geschichte. Neuseeland wurde im Übrigen erst vor etwa 700- 800 Jahren entdeckt. Anfangs gabs in Neuseeland keinerlei Säugetiere – die Menschen haben Hermeline (über Schiffe) und Opossums (als Jagdtiere) eingeführt. Vor allem die Opossums zählen als Plage, da sie keine natürlichen Feinde haben – in ganz Neuseeland findet man ständig Gift-Hinweisschilder.

Am Abend begleiteten Christian und ich, Kyle, zwei seiner Kumpels und die anderen beiden studentischen Couchsurfer zum Klettern ins „Clip n Climb“ – die größte Indoor-Kletterhalle Neuseelands. Ich gestehe erneut Frischling auf diesem Gebiet zu sein, Christian erneut alter Hase mit mehreren Jahren Klettererfahrung. Um etwa 20 Uhr begannen wir mit dem Kletterspaß und gegen 22 Uhr traten wir gut ausgepowert den Heimweg an. Ich habe mich an mehren Kletterwänden, sogar welchen mit negativem Anstieg probiert. Nur einmal habe ich verzweifelt aufgegeben und mich einfach „hängen“ lassen – was für ein Wortspiel.

Bei Kyle war es an diesem Abend Part der neuen deutschen Couchsurfer zu kochen – es gab Reis mit Soße. So ging auch dieser Tag vorbei… Übrigens schlief Christian tatsächlich unter dem Tisch im Wohnzimmer, ich genehmigte mir die Couch, die zwei neuen teilten sich die Matratze am Boden und eine weitere eingetroffene Couchsurferin (aus Chile) schlief auf einer Matratze in Kyles Zimmer. Ein Haus voller Couchsurfer und bis heute frage ich mich, ob der eigentliche Hausherr davon eine Ahnung hat. Kyle hatte auch einen Couchsurfing-Plan angelegt, wann, wer ab- und anreist. Diese Horden an Menschen bedurften der Planung.

05. Oktober 2011 – Mittwoch

Gemütlich gings raus aus den Federn und erstmals gabs kein Regen. Christian hatte schon vorhergesagt, dass, wenn Florian abreist, die Sonne zu scheinen beginnt – Florian sei eine Art Pechmagnet, daher hätte es auch mit dem Skydive nicht geklappt. Er hatte zumindest teilweise recht behalten.

Wir nutzten den Tag für eine Fahrt zum Victoria Park in Christchurch. Dort angekommen, suchten wir erstmal die Touri-Info, leider war auch diese wegen Erdbebenschäden geschlossen. In aller Not kamen wir auf die Idee Geocaching auszuprobieren, tatsächlich war im Park ein Schatz versteckt. Nach ewiger Suche, da leider das GPS-Signal vom Handy ständig gestört wurde und daher die Koordinaten nie stimmten, fanden wir am Wegesrand einen Schatz – nichts von Wert, aber wir hatten unseren Spaß.

In unserem Geocaching-Wahn beschlossen wir, weiter oben im Victoria Park, bei einem ehemaligen Vulkan und einer dort heutigen Antennenstation (oder was auch immer) weiterzusuchen. Es ging viel bergauf und überall lag Schafscheiße – natürlich gabs auch eine Menge Schafe. Nach einer weiteren Stunde hatte ich den Schatz entdeckt. Stolz wie Bolle – na ja, wohl eher glücklich der Schafscheiße endlich entkommen zu können.

Nach der getanen Arbeit (es war wirklich anstrengend die Schafweide hoch und runter zu trotten) gönnten wir uns eine Pizza bei Dominos – obwohl nicht Pizza-Dienstag war, der Heißhunger siegte. Beim Pizzaladen musste ich feststellen, dass ich meinen Rucksack vergessen hatte – zurück zu Kyle. Da lag er noch und die fünf anderen Couchsurfer saßen drumherum, ein weiteres freundliches „Tschüss“ und wir machten uns auf die Weiterreise – entlang der Summit-Road ging es Richtung Süden.

Die Fahrt wurde mal wieder zu einem Abenteuer – landschaftlich wie immer ein Knüller, grüne Wiesen und Berge über Berge. Ein mögliches Herr-der-Ringe-Motiv folgte dem nächsten. Schließlich fuhren wir in eine Wolke. Nur noch Nebel um uns, glücklich stellten wir fest, dass unsere Nebelbeleuchtung funktioniert – die Vorführung „mit“ und „ohne“ Nebelleuchte war ein wahres Spektakel. Aber zumindest funktionierte mal was an dem Auto. Dann gabs ein Knacken am Auto – der Fensterwischer war abgefallen. Nur Minuten später meinte Christian, die Bremsen funktionieren nicht mehr. Bei den kurvigen, nassen Bergstraßen macht sich sowas besonders gut. Wir dachten über einen Buchbestseller nach „Wie man ohne Bremsen und Scheibenwischer durch Neuseeland kommt“. Gemächlich, da ohne Bremsen rollten wir die letzten Kilometer Richtung Ziel: Ein Campingplatz in Okains Bay. Nach etwa 1,5 stündiger Fahrt kamen wir an, erkundigten uns nach dem Preis – 12 Dollar pro Person, der Campingplatz-Angestellte selbst empfahl uns eine andere, kostenlose Stelle zum Campen. Wir entschieden aber das Angebot anzunehmen – eine Küche und warme Duschen lockten uns. Das Problem mit den Bremsen, so meinte er, hätten viele, sie überhitzen einfach bei dem vielen Auf-und Ab in den Bergen.

Im Halbdunkel fanden wir eine Stelle auf dem Campingplatz, huschten nochmal für einen kurzen Blick zum Meer. In der Küche gönnte ich mir am Abend zum ersten Mal eine Packung Cheese-Balls! Gibt’s was Besseres?!

06. Oktober 2011 – Donnerstag

„Morgens“ schrieen wir schon Tim entgegen „Hunger, Hunger – Schinken und Ei“. Denn an diesem Tag sollte es Frühstück der Extraklasse geben: Na eben Schinken und Ei! Und das in einer gut ausgestatteten Küche! Wir genossen den Morgen und unser Frühstück, wanderten nochmal zum Meer und kurz vor Abfahrt probierten wir uns mit Morgensport: Seilbahnfahren auf dem Campingspielplatz! Getreu dem Motto „Wer hier nicht spielt, ist selber schuld“. Wir mussten feststellen, dass Neuseeland in Bezug auf Spielplätze ziemlich gut ausgestattet ist, ein reiches Land, gab sogar eine Kinderkletterwand dort… Ihr merkt, dass ich euch wichtige Informationen nicht vorenthalten möchte!

Um 13:45 Uhr schafften wir die Weiterreise mit dem Auto. Den Scheibenwischer konnten wir wieder reparieren, die Bremsen funktionierten ebenfalls wieder. Volle Fahrt voraus!

Nächster Stop war Akaroa – bis auf eine Tourist-Info gabs dort aber nicht viel zu sehen. Letztlich ließen wir uns im Rakaia Gorge Camp nieder – wieder lauerten für nur schlappe fünf Dollar pro Nase warme Duschen. Langsam lebten wir im Luxus…

Am Abend gabs dann noch den Film „Never let me go“ zu sehen, romantisch zu dritt hinten im Auto – kritischer Film zum Thema `Menschen als Organspender`. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf verabschiedeten wir uns in den Schlaf.

07. Oktober 2011 – Freitag

Aufgestanden und den Tag genossen! Mit einem kleinen Telefonat mit meiner großen Schwester in den Tag starten, ist doch das Schönste. Danach gabs noch eine warme Dusche auf die Haut.

Natürlich brauchten wir wieder eine Weile um in die Gänge zu kommen. Schließlich schafften wir es aber doch noch loszudüsen. Erster Zwischenstopp war Methven – von einer Touri-Info heiß empfohlen, wurden wir doch, im Örtchen angekommen, schwer enttäuscht. Nichts los. Wir nutzten den Stop, um uns dem Öl-Change-Problem unseres Autos zu widmen. Der Mechatroniker der Autowerkstatt wirkte etwas menschenscheu, war sehr wortkarg und an seiner Miene ließ sich nicht erkennen, ob er eine Lösung für unser Problem parat hätte. Einen Preis hatte er allerdings: 120 Dollar. Wir nahmen das Auto nur noch kurz in Beschlag, um unser Mittagsessen auszuladen, zurück bei der Werkstatt, meinte der Typ doch keine Ahnung vom Aufbau unseres Autos zu haben (wir haben irgendwas drin, was den Ölstand automatisch auffüllt und überprüft, dies ist aber kaputt und so ein Ding hat er nie zuvor gesehen, weiß also nicht, wie der Schaden zu beheben sei). Innerhalb von wenigen Minuten standen vier Mechatroniker verschiedensten Alters um unser Auto versammelt, beratschlagten und staunten auf das Öl-Ding – ohne Erfolg. Es wurde uns angeraten zu einem Toyota-Spezialisten zu fahren.

Wir setzten unseren Weg also mit unrepariertem Auto, aber vollen Mägen fort. Gegen späten Nachmittag erreichten wir unseren Campingplatz „Waihi Gorge“ nähe Geraldine. Schon bei der Ankunft nahmen uns die frei herumlaufenden Schafe in mähenden Empfang. Hupend schaffend wir es durch die kleine Schafherde. Freilich regnete es wieder. Glücklicherweise entdeckten wir auf dem Campingplatz eine kleine Gruppe versammelt um ein, ja richtig, Lagerfeuer! Mit Bier in der Jacke stiefelten wir los. Ein freundliches „Hallo, wir frieren“ und schon waren wir in den Kreis der Lagerfeuerbande aufgenommen. Es stellte sich heraus, dass es sich bei dieser Gruppe um eine Bibelgruppe handelt. Die Schülerinnen und Schüler bezahlen 5000 Dollar und mehr, um sich neun Monate etwas über Gott und die Bibel lehren zu lassen – jaja Akzeptanz und Toleranz. Unser Bier konnten wir jedenfalls stecken lassen. Die Neuseeländer, Kanadier und USAler hatten/mussten auch ohne Alkohol Spaß haben und wir schlossen uns (so viel Akzeptanz muss sein) an. Natürlich gabs für die Bibeltruppe feste Ausgehzeiten – am Wochenende bis ein Uhr nachts, ansonsten bis um neun Uhr. Ehrlich gesagt, ist in den Örtchen eh nie etwas los, sodass auch wir selten bis nach 24 Uhr die Äuglein aufbehalten.

08. Oktober 2011 – Samstag

Klingeling! 8.30 Uhr bimmelt der Wecker. Ohne eine Campgebühr zu zahlen, die Bibelgruppe hatte es nicht geschafft, uns von guten Moralvorstellungen zu überzeugen, ging es wieder auf die Straße.

Nächstes Ziel unserer Reise war Lake Tekapo.  Mittagspause machten wir an einer doch eher unschönen Raststätte – nur wenige Kilometer vom Ziel entfernt, wo wundervolle Landschaften auf uns gewartet hätten. Wir ahnten dies, hielten aber dennoch – die Fressgier war zu groß. Kleine Anekdote zu dieser Raststätte: Ich bin mal wieder in einen Bach gelaufen. Schon zum zweiten Mal in Neuseeland lief ich geradewegs ins Wasser – ich hatte den Bach nicht gesehen und erst schon etwas Angst in einem Sumpfgebiet gelandet zu sein. Meine Schuhe waren jedenfalls durch. Die anderen beiden Reisegenossen hatten was zu lachen – mal wieder.

Zum Lake Tekapo: Es ist unbeschreiblich, wie schön dieser See, die Berge im Hintergrund waren. Blau, blau, blau. Die Fotos können euch einen Eindruck davon geben. Tim meinte nur „fucking scenic, cant handle it“ – recht hat er. Wir kletterten dort eine Weile umher. Zum Abschluss meinte Christian „Wer zuerst am Auto ist, bekommt ein Eis“. Wir spurteten, Tim gewann. Wir bekamen aber alle ein Spongebob-Schokoladen-Milch-Eis! Yummi!

Mittlerweile ist Geocaching feste Reiseaktivität geworden: Die Orte werden so besser inspiziert und auf andere Art nochmal entdeckt. In dieser Umgebung widmeten wir uns drei Schätzen – der bisher schwerste versteckte sich in der Nähe der Historic Church Monument – der Kirche, die keinen Altar bedarf, da sie einen der besten Ausblicke bietet, die mir eine Kirche je geboten hat.

Wir haben es nicht geschafft, den Berg zu Fuß zu erklimmen, hat uns doch die Schatzsuche zu lang aufgehalten. Also sind wir kurz vor 17 Uhr mit dem Auto raufgefahren. Dort schmiedeten wir recht realistische Zukunftspläne: Berge kaufen, Haus hinbauen und eine Rutsche vom Haus direkt in den See – der natürlich an bestimmten Stellen für uns beheizt wird. Teile der bereits stehenden Sternwarten nutzen wir selbst. Keine japanischen Touristengruppen mehr!

Abendessen (selbstgemachte Burger) gabs dann ebenfalls am Lake Tekapo – bei schönerer Kulisse lässt sich eine Mahlzeit nicht zu sich nehmen! An schönem klaren See umgeben von teils schneebedeckten Bergen.

Zum abendlichen Rugby-Spiel gings in die Taverne des Örtchens. Die Viertelfinalspiele eröffneten Wales und Irland – das Lokal voller Iren half nichts, Wales gewann. Ein paar tränengesäumte Gesichter. Darauf folgte das Spiel England gegen Frankreich. Ich für England, Christian für Frankreich, Tim unentschieden – Frankreich gewann haushoch. Übrigens: Ein Videobeweis musste bei den Engländern zum Einsatz kommen, um über ein Tor/Nicht-Tor zu entscheiden. Hier ist man schon weiter als im Fußball und so verloren die Engländer mit ein paar Punkten weniger das Spiel.

Gegen Mitternacht erreichten wir Camp McGregor – an einem See gelegen. Viele Campingwagen, aber „camperlos“. Es sollte die kälteste Nacht unserer bisherigen Reise werden. Bei etwa minus sechs Grad verbrachten wir die Nacht. Tim im Zelt berichtete am nächsten Morgen, dass er in der Nacht aufgestanden sei, um auf Toilette zu gehen, dabei sei ihm aufgefallen, dass Eis auf seinem Zelt lag, außerdem gingen die Reißverschlüsse – da ebenfalls vereist – nicht richtig zu öffnen. Abenteuer olé olé.

09. Oktober 2011 – Sonntag

Gegen neun Uhr schafften wir es aus den eisekalten Betten. Ich entdeckte sogar Duschen auf dem Campingplatz (einen Campingplatz im hellen zu erforschen, hat doch seine Vorteile), diese waren leider verschlossen – keine Saison. Erneut, diesmal mit dem Frust über die verschlossenen Türen begründet, zahlten wir erneut keine Campinggebühren. Nett und sparsam wie wir aber sind, hatten wir noch Entenbrot im Auto. Hier gabs mal wieder reichlich Enten, die nur auf die Touri-Saison warteten und laut vor sich hin blökten. So zutraulich und gierig wie sie waren, schienen wir die ersten „Fütterer“ dieser Saison gewesen zu sein.

Etwa eineinhalb Stunden genossen wir ein Frühstück am Lookout-Point am Lake Tekapo. Irgendwann mussten wir uns davon lösen. Schönstes Wetter und Mount Cook warteten.

Kleines Highlight: Ich fuhr an diesem Tag erstmals das Auto – das hieß auch erstmals Linksverkehr und erstmals Automatik. Beifahrer Tim meinte nur „Wir werden nicht überleben“. Haben wir aber! Zwar habe ich die Geschwindigkeit in meiner ersten zu fahrenden Kurve etwas unterschätzt, aber danach gings auf den ewig leeren Straßen doch recht gemütlich voran.

Mount Cook versprach zahlreiche Wanderwege unterschiedlicher Länge und Schwierigkeitsgerade. Am ersten Tag nahmen wir die Strecke zum Hookers Valley, leider war die Brücke wegen Bauarbeiten nicht passierbar, wodurch unsere Wanderung schon nach wenigen Minuten beendet war. Die Schubkarre diente noch als kurzes Spielzeug, eine Runde wurde ich dort durch die Gegend gefahren. Dann gings die nächste Wanderroute entlang: Auf zum Kea Point. Der Kea-Point bot einen schönen Blick auf den Mount Cook. Bei Anblick von so viel Schnee und Eis entstanden Gespräche wie „Wie viele Eiswürfel man aus dem Eis wohl machen kann?“ „Kommt drauf an welche Größe“ „Cubra Libre Größe – zwei große und ein kleiner“ „Na dann viele“  „Wäre toll – einfach Cola und Rum runterschütten und dann schnell lecken“ „Fruchtsmoothies wären geeigneter“. Ihr seht, auf Reise wird man philosophisch, nicht unbedingt hochtrabend – aber immerhin nachdenklich. Ein weiteres Gespräch drehte sich vor ein paar Tagen um die Flächeneinheit „ein Schnee“ – Kurzdefinition „ein Schnee ist aus 10 Km Luftlinie als einheitliche, zusammenhängende Fläche Schnee zu erkennen. Es kann aber durchaus sein, das sich diese Fläche aus näherer Betrachtung als mehrere Schnee herausstellt. Mit Schnee bedeckte Häuser sind kein Schnee. Zudem sollte man wissen, dass Schnee unterschiedliche Farben annehmen kann. Gelben und roten Schnee sollte man nicht essen. Brauner Schnee hingegen ist nicht immer negativ zu bewerten  – wenn beispielsweise ein Schokoladenfondue in den Schnee fällt, ist der Schnee essbar und durchaus schmackhaft.“

Hunderte Fotos und ein paar deutsche Touristen später saßen wir auf dem Campingplatz und spielten „Ich habe in meinen Koffer gepackt und verloren“ – noch führt Tim, aber keine Bange, er reist schon länger und ich liege nur knapp dahinter. Da geht noch was!

Ab 18.30 Uhr setzten wir uns in die Bar eines Hostels und warteten mit den anderen Leuten des Dorfes auf die zweite Viertelfinalrunde. Zufällig landeten wir wieder bei Deutschen am Tisch. Im ersten Spiel siegte Australien unverdient gegen Südafrika, erstmals fielen mir wirkliche Taktiken bei diesem Spiel auf – Australien war sehr defensiv eingestellt und hatte den Schiedsrichter auf seiner Seite. Ein Australier musste sich im Lokal gegen die buhende Menge der Neuseeländer durchsetzen. Das nächste Spiel bestritt dann endlich Neuseeland, es ging gegen Argentinien. Neuseeland siegt wieder einmal – hoch und verdient.

10. Oktober 2011 – Montag

Eigentlich sollte um 7.30 Uhr der Wecker schellen. Stattdessen wurden wir um 8.30 Uhr vom Ranger geweckt. Wie ist die weibliche Form von Ranger? Brav bezahlten wir unsere Camp-Gebühr. Problem unseres Weckers: Christian hatte am Tag zuvor den Akku aus dem Handy genommen, wodurch die Datumsanzeige auf den 01.01.2011 zurückgestellt wurde.

Da wir mittlerweile fast seit drei Wochen ununterbrochen aufeinander hingen, – jeden Tag 24 Stunden in Van und seiner Umgebung zu verbringen, kann sehr anstrengend sein – hat Christian den sehr guten Vorschlag vorgebracht, das jeder den Tasman Valley Walk für sich allein läuft. Um 12 Uhr ist also jeder für sich gestartet. Ich bin erstmal zu einem See und Gletscher-Ausguck raufmarschiert, bevor ich mich der eigentlichen Strecke gewidmet habe. Schon nach der ersten Strecke war ich ganz schön geschafft, ein steiler Anstieg und die mir entgegenkommen Touris meinten „Hast es gleich geschafft“. Oben angekommen erwartete mich ein Ausblick auf Berge und ein davor mit Wasser und Eisblöcken geschaffenes Tal. Viele Gletscher reihten sich aneinander.

Der eigentliche Walkingtrack begann mit einer doch eher ermüdenden ersten Hälfte auf einer, ich nenne es mal, Schotterstaße. Diese zoge sich etwa eine Stunde. Danach erwartete einen ein Tal voller mittel- bis großer Steine – eine Hopspartie begann. Mit guter-Laune-Musik in den Ohren sprang ich munter drauflos. Irgendwann traf ich auf Christian und Tim, freilich waren es die einzigen Menschen, die ich an diesem Tag auf dem Hinweg treffen sollte (abgesehen von etwa fünf Touris die aus der entgegengesetzten Richtung kamen). Wir machten hin und wieder zusammen Pausen und dann gingen wir in kurzen Abständen voneinander entfernt unsere jeweiligen Wege. Nach etwa zwei Stunden kam der etwas schwierigere Part des Weges: Es ging an Steinwänden bergauf und bergab. Ich mit meiner Unfähigkeit in 3D zu sehen, hatte hin und wieder meine Probleme bzw. Unsicherheiten. Tim und Christian warteten dann geduldig auf mich, hatten sie doch etwas Bange, ich könnte auf den Hügeln verloren gehen. Natürlich bin ich auch direkt vor ihnen an einem etwas schottrigen Abhang runtergerutscht – nichts passiert, habe mir auch nicht ernsthaft weh getan. Nach drei Stunden und gut warm erreichten wir das Ziel unseres Weges: Den Tasman Gletscher und eine kleine Berghüttte (in der man hätte schlafen können). Für den Abend war starker Wind angekündigt und Regen, um dieser schlecht-Wetter-Front zu entgehen, beschlossen wir sogleich den Rückmarsch anzutreten. Ich hatte mich durchgerungen für zumindest zwei Stunden des Rückweges meine Musik abzuschalten – man muss ja auch mal ohne Geklimper auskommen, nur mit sich und seinen Gedanken. So viele Zwiegespräche, wie ich hier mit mir führe, habe ich meinen Lebtag noch nicht geführt. Manchmal denke ich schon, ich werde verrückt. So viel Kommunikation mit sich selbst! Und ändern tut sich irgendwie doch nichts. Ich weiß noch nicht, wo ich hinwill im Leben. Ich habe aber den Eindruck, das wird mir diese Reise dies auch nicht mehr preisgeben wird. Ist auch nicht weiter schlimm, ich war selten so glücklich und frei wie hier, neige ich doch dazu, die Probleme anderer zu meinen eigenen zu machen. Ein wenig Egoismus ist gut – erste Lektion gelernt.

Gegen 17.30 Uhr waren wir am Ausgangspunkt des Wanderweges zurückgekehrt. Heute hatten wir uns eine Dusche verdient. Im Dorf gab es ein Duschcenter – zwei Personen vor uns warteten bereits auf ihre Duschen. Nacheinander gings dann ins Wasserparadies. Es war seit drei Tagen, die erste Dusche, die wir genossen. Ich habe mich und vor allem meine Haare in den letzten zwei Tagen in öffentliche Toiletten unter Wasserhähnen gewaschen – ist zwar kalt und unbequem, aber man gewöhnt sich an alles. Die Jungs lachen immer, wenn ich frisch geduscht und mit meinem Hygenie ´beutel aus den öffentlichen Toiletten marschiert komme. Letztens gabs sogar eine Steckdose auf der Toilette – da konnte ich dann sogar Strom für mein Handyakku schnorren. Man nutzt, was man kriegen kann.  Die anderen Mitwartetenden hatten einen ähnlich guten Duschschnitt wie wir – ebenfalls seit drei Tagen die erste Dusche. Bei den Duschen war auch ein kleines Küchentrakt – warme Duschen und danach kochen in einem Raum. Fast wie zu Hause J.

Im Dunkeln um etwa 21 Uhr erreichten wir einen Campingplatz in Omarama. Im Jucy-Van links neben uns hatte ein Pärchen gerade viel Vergnügen, während der Fernseher lief. Rechts neben uns ging „Funzel-Peter“ (seine Taschenlampe war ziemlich grell) in den Wald hinter unserem Auto pinkeln, wobei es doch eine Komposttoilette gab. Schönes Plätzchen! und erneut: kostenlos. Da der Campingplatz einen merkwürdigen Eindruck machte und wir im Dunkeln nichts mehr erkennen konnten, kamen wieder einmal wilde Phantasien zum Vorschein „Am nächsten Tag stellen wir fest, dass hier ein Klärwerk steht“ „Das würden wir aber jetzt schon riechen“ „Vielleicht wird es morgen eröffnet und eingeweiht mit einem ersten LKW voller `Mist`“

An diesem Abend stellte Tim auch voller Freude fest, dass im Autonamen „Oscar“ das Wörtchen „car“ enthalten ist. Nichts soll euch vorenthalten bleiben. Die guten Gedanken müsst ihr teilen dürfen J. Das Auto heißt übrigens Oscar, weil es aussieht wie eine Mülltonne (siehe Sesamstraße).

Daraufhin fuhren wir zum „Tawanui Campingplatz“ der an einem Fluss gelegen war und den uns Nora empfohlen hatte. Dort angekommen, waren wir etwas enttäuscht. Kein schöner Platz zum Verweilen, uns fiel auf, das sie vielleicht doch einen anderen Platz am Meer gemeint haben könnte. Und nochmals hatte ich die Ehre die Jungs zurück zum Ort Owaka zu fahren. Abends wartete das erste Halbfinale auf uns: Frankreich gegen Wales. Wales war die klar überlegende Mannschaft, sehr leidenschaftlich, engagiert und mit viel „Spielfeldbesitz“ (mir fehlt gerade das deutsche Wort). Leider beging ein Waliser ein schweres Faul – er nahm einen Franzosen und schmiss ihn, die Beine in der Hand halten, mit dem Rücken und Kopf auf den Boden. Er wurde des Spielfelds verwiesen. Endlich hatte sich auch dieses Rätsel gelöst: Ja, es gab auch im Rugby Platzverweise und rote wie gelbe Karten. Beim Rugby ist ein Platzverweis vermutlich um einiges beeinträchtigender als beim Fußball. Wales verlor das Spiel daraufhin knapp mit 8:9.

Wir campten direkt hinter der Bar, in dem wir das Spiel schauten – ein schneller Heimweg und für jeden ein Bier. Fünf Dollar und dies sogar inklusive warmer Duschen. Mehr Vorteile braucht es nicht.

16. Oktober 2011 – Sonntag

Der Wecker schellt! Und Sonnenschein. Da fällt das Aufstehen doch gleich viel leichter (und macht vor allem Sinn & Lust)! Neben uns campten Deutsche. Vier junge Leute. Wir stiegen aus dem Auto, wünschten einen schönen guten Morgen und ernteten nur verdrossene Blicke. Die Truppe war sehr amüsant. Die dickste der Meute, die größtenteils rumstand, meinte „Ich würde sagen noch 15 Minuten, dann rollen wir los“. Eine völlig bescheuerte Ansage, hatten sie doch gerade gefrühstückt, mussten noch abwaschen und packen – sie selbst bewegte sich freilich nicht. Unser Ehrgeiz war gepackt und freilich rollten wir vor ihnen vom Hof. Mission erfüllt! An der Tankstelle kamen sie uns erneut entgegengefahren – plötzlich plauderten sie drauflos. Diesmal waren wir nicht in Plauderlaune. War ja Sonntag, die Tankstelle zu, nur ein Selbstbedienungsschalter draußen – die Mädels fragten doch tatsächlich die Jungs im Auto, ob einer von ihnen eine Kreditkarte, mit der man zahlen könne, dabei habe. Manche reisen noch organisierter als wir durch die Gegend…

Das erste Tagesziel waren die Purakaunui Waterfalls. Dort wurde ausgiebig gefrühstückt. Dann folgte ein etwa halbstündiger Walk zu dem Waterfall. Ein breiter Wasserfall. Wir kletterten ein wenig umher, machten unsere Erinnerungsfotos.

Nächster Stopp, nächster Wasserfall – diesmal waren es sogar zwei: Einmal der Matai Fall und der Horseshoe Fall. Beide erreichte man nach etwa 20 minütigem Walk. Der Anblick hat uns nicht völlig aus der Bahn geworfen, aber die Sonne schien schön auf das herunter prasselnde Wasser, wir konnten ein wenig umherklettern, die Wälder leuchteten in schönen Grüntönen – die Welt war in Ordnung.

Nur kurze Zeit später hielten wir am „Wilkie Walk“, der uns zu einem schönen See-Lookout führte. Auf dem Weg stellte ich fest, dass sich tatsächlich die drei größten Trottel für diese Reise zusammengefunden haben. Als wir aus dem Auto ausstiegen, tat Christian so als wäre er ein boxendes Känguru, während Tim laut johlend „Frére Jaque“ sang und ich lachend tat als wäre ich ein Flugzeug. Unser Verhalten ist nicht unbedingt erklärbar – außer vielleicht mit dem lang ersehnten Sonnenschein. Um dem Ruf des sich immer beschwerenden Deutschen nachzukommen, regen wir uns in jedem Wald über die großen, ewig lange schattenwerfenden Bäume auf – alle fällen! Die Jungs saßen schon im Auto, als ich noch einsteigen wollte, erlaubte sich Christian den Scherz und fuhr los, ich nahm also Anlauf, um ins Auto zu springen, in dem Moment bremste er – mein Kopf knallte voll gegen eine Türhalterung. Autsch!

Nach dem Spaß-Walk zum Lake Wilkie, folgte ein weiterer kurzer Walk zu den McLean Falls. Diesmal wartete ein sehr hoher Wasserfall auf uns. Für ein paar Minuten schloss ich meine Augen und genoss das Geräusch des hart aufprallenden, prasselnden Wassers. Dann gings weiter.

Gegen 16 Uhr erreichten wir das nächste Highlight unseres heutigen Tages: Den Fossil Forest. Es ist eine Art “versteinerter Wald” – Bäume sind in den Steinen am Strand (liegend) eingehölt- sozusagen. Der Wald stammt aus der Jurazeit.

Vorerst letztes Ausflugsziel war der „Most Southern Point oft he Southern Island“, wir waren uns aber ehrlich gesagt, nicht sicher, ob wir tatsächlich am südlichsten Punkt der Insel waren. Unser Benzin reichte aber nicht, um die Gegend vollends zu erkunden. Wir halten nun einfach mal fest: Ich war am südlichsten Punkt der südlichen Insel Neuseelands. Und es war wunderschön dort. Meer soweit das Auge reicht und ein Blick auf kleine Inseln in Meeresgicht gehüllt nur wenige Kilometer entfernt. Der Weg zum südlichsten Punkt führte im Übrigen durch eine Schafherde. Wir waren unsicher, ob dies wirklich für Touristen zugänglich wäre, aber am Eingangstor war ein großes Schild befestigt „Bitte Tor nach dem Eintritt schließen und den gelben Markern folgen“. Also gings mal wieder durch ein Schaf-Minenfeld. Herrlich diese starrenden, immer grassfressenden Wesen.

Auf der Suche nach einem geeigneten Platz zum Abendessen, kamen wir an einer niedlichen Farm vorbei, leider begrüßte uns dort nur ein verspielter, heller Labrador. Keine Bewohner in Reichweite. Die Fahrt musste fortgesetzt werden. Am Mataura River in Fortrose hatten wir einen ebenfalls wundervollen Platz zum Speisen gefunden – der River mündete, sofern ich mich recht erinnere, ins Meer. Grün, Berge und diesmal war auch die Sonne dabei. Besser geht’s kaum. In Vorbereitung auf das abendliche Halbfinale Neuseeland gegen Australien klebten wir uns noch „All Blacks“-Aufkleber ans Auto. Eine Autofahne hatte ich übrigens direkt nach meiner Ankunft in Auckland gekauft, Kommentar dazu „Nicht mal fünf Minuten ist eine Frau dabei und schon wird dekoriert“. Unsere gute Laune hielt während des Essens und so verschachtelten wir jeden Satz in Bibi-Blocksberg-ähnliche Hexsprüche à la „Eene meene ma, ist noch was zu essen da?“ „Eene meene Kummer, du hast wohl noch Hunger“ „Eene meene ma, ja“. Man wird schon bekloppt, wenn man so lange aufeinander hängt. Ich versuche aber stets meine gute Laune zu behalten – daher gelte ich eher als naiv, kindlich und Tim meinte nur „deine Realität ist kurz vorm Einstürzen“. Ihn würde ich eher als zynischen Muffel bezeichnen, der im Grunde seines Herzens, aber sicher viel Spaß hat. Aber vielleicht ist das nur wieder der naive Optimismus der die Situation beurteilt. Ich habe jedenfalls (zum größten Teil) Spaß mit den Jungs. Ich bin ja auch anstrengend. Als ich einmal meinte, genervt zu sein, meinte Tim nur „Das glaube ich nicht. Ich glaube, deine Schmerzensgrenze liegt ganz woanders.“ Er hatte Recht behalten.

Auf der Fahrt nach Invercargill, wo wir das Spiel der Spiele sehen wollten, passierte es. Christian bekam eine SMS. Plötzlich brach Hektik im Auto aus und jeder griff nach seinem Mobiltelefon, ging kurz online, checkte seine Nachrichten. Nur zwei Tage ohne Internet- und Telefonzugang machen ein doch nervös. Nicht gut!

In Invercargill konnte ich die Jungs überreden nicht in die leere LucaBar zu gehen, sondern in das volle, gegenüberliegende Speights Ale House. Neuseeland gewann überragend mit 20 zu sechs! Recht gute Stimmung im Lokal. Ich war wirklich aufgeregt vor dem Spiel. Der Haka-Tanz der Neuseeländer war ebenfalls ein Knüller, ich stelle mir jedes Mal Lahm und Poldi vor, wie die wohl tanzen würden – ein Lachen huscht mir dabei stets übers Gesicht. Ich habe noch nie so viel blutende Nasen gesehen, wie in diesem Halbfinale. Im Finale sind die Spieler nur noch Zombies. Schon jetzt trägt dort jeder Zweite einen Verband, ein Pflaster oder ähnliches. Ich frage mich, wie man Rugby-Spieler wird, Mütter können ihre Söhne kaum dazu bringen wollen, so ramponiert, wie man da nach Hause kommt…

Nach dem Spiel sind wir noch eine halbe Ewigkeit in den nächsten Ort „Thornsbury“ und somit zu einem kostenfreien Campingplatz gefahren. Etwa halb eins machten wir die Schotten dicht. Ein langer und schöner Tag.

17. Oktober 2011 – Montag

Frühstück kurz vor Wallace Town eingenommen. Danach gings nochmal in die Stadt: Die städtische Bibliothek machte gerade Bücher-Ausverkauf. Ein Leid, dass man diesen ganzen Kram nicht schleppen kann. Herrlich alte Kochbücher gabs dort nur für 20 cent pro Buch zu erstehen. An diesem Tag aber keine Ausbeute. Danach ging es kostenlos Internet bei McDonalds schnorren und für die nächsten Tage einkaufen.

Und wieder: Es regnete und sollte nicht aufhören. Es regnete, regnete, regnete.

Nach langer Autofahrt Richtung Te Anau, landeten wir schließlich vor „Monkey Island“. Frustriert von Regen und Kälte entstanden wieder einmal komische Ideen. Christian bot uns 10 Dollar, wenn wir auf im kalten Meer (etwa 30 Meter vom Strand entfernt) liegende Insel klettern und von oben winken würden. Da gerade Ebbe war, minimierte Christian sein Angebot alle fünf Minuten um einen Dollar. Letztlich hatten wir nach 17 Minuten unsere Badehosen übergezogen und stiefelten im eiskalten Meer Richtung Insel, erklommen sie und winkten. Es war ein großer Spaß und Tim bemerkt nur „Ich hätte nicht gedacht, das wir das tatsächlich machen. Ein gutes Abenteuer und selten so leicht verdientes Geld.“ Auf der Insel war es schön, wir hielten kurz Ausschau nach Delfinen. Meine Füße litten jedoch Höllenqualen, ich spürte kaum noch, worauf ich trat – Zeit für den Rückweg. Im Auto sitzend warteten wir darauf, dass der Regen aufhören würde. Wir lasen, bis es schließlich zu dunkel wurde. Tim schaute in den Wetterbericht – momentan 100 % Regenwahrscheinlichkeit, in drei Stunden nur noch 80 % Regenwahrscheinlichkeit. Frustriert und ein wenig belustigt schrieb ich das ins Facebook – die beiden machten sich drüber lustig und schon begann eine fröhliche Kommunikation via Handy. Es war still im Auto, alle lachten in sich hinein und warteten, was der jeweils andere kommentieren würde. Tim bewegte sich schließlich als erster in den Regen – kein Wunder, er ist zumeist derjenige, der „Hunger“ schreit. Auf diesem Campingplatz gab es glücklicherweise einen Unterbau, wir konnten also halbwegs vom Regen (leider nicht vor der Kälte) geschützt, unsere Nudelmahlzeit zubereiten. Ich brachte die Idee hervor, mehr Wasser zum Kochen zu bringen, um ebenso Tee zuzubereiten – Tim stimmte ein, Teewasser wurde zugegeben, wir tranken und stellten halb-spuckend: Salz im Wasser. Nicht mal diese altmodische Form der Erwärmung hatte funktioniert!

18. Oktober 2011 – Dienstag

Es hatte die gesamte Nacht über geregnet und freilich regnete es an diesem Morgen. Die wahnsinnig schöne Strecke nach Te Anau ließ sich in dem Regen und Nebel-Gemisch nur erraten. Enttäuschung. Wir hielten in der Hoffnung auf einen halbwegs guten Anblick am tiefsten See Neuseelands, liefen zum Lookout und stellten fest: Es lässt sich nichts erkennen, nur starker Wind. Schnell zurück zum Auto.

In Te Anau berieten wir über die nächsten Tage und Walking-Strecken. Wir gönnten uns einen Holiday-Park (bevölkert von Asiaten) – konnten in einer Küche unser thailändisches Essen kochen, Strom saugen und eine ewig lange, heiße Dusche genießen. Jetzt sitze ich hier, schreibe diese letzten Zeilen und freue mich auf den morgigen Tag, denn der Wetterbericht sagt: Sonnenschein. Also werden wir uns dem „Kepler Walking Track“ annehmen.

19. Oktober – Mittwoch

Der Himmel lacht und die Sonne noch viel Meer! Auf, auf ihr lustigen Wanderfreunde! Um neun Uhr gings raus aus den Betten, kräftiges Frühstück eingenommen, Rucksäcke ent- und wieder gepackt, Proviant geschmiert und ab gings zum Wanderweg im Fjordland.

Leider ist es wegen Lawinengefahr momentan nicht möglich den gesamten „Kepler Track“ zu laufen. Der Track ist im Übrigen nach Johannes Kepler benannt. Der gesamte Track umfasst eine Länge von 67 km und gehört zu den „great walks“ in Neuseeland. Wir nahmen lediglich die Strecke zur Luxmore Hütte – die auf 1083 Meter Höhe liegt und zu der es 14 km Fußmarsch zu bewältigen gilt.

Unsere Rucksäcke wogen etwa sieben Kilogramm (der Rucksack an sich, Schlafsack, 3 Liter Wasser, Essen, Klamotten und ich hatte noch mein Herthahandtuch und blöderweise zwei Paar Wechselschuhe dabei – vergessen zu entnehmen).

Die ersten anderthalb Stunden zum „Dock Bay“ führten lediglich geradeaus durch einen Wald, noch begegnete man einigen Spaziergängern und Joggern. Im Wald fühlte ich mich wie ein Zwerg – als noch kleiner als sonst, die Bäume waren riesig. Danach gings bergauf – nur noch. Auf den Schildern zum Track stand, dass man etwa 4,5 Stunden zur Hütte bräuchte, trainierte Wanderer etwa die Hälfte der Zeit. Nach nur kurzer Zeit fingen die Jungs an sich Geh-Stöcke zu basteln, ich bekam auch zwei. Einen den ich mir selbst gesucht hatte, wurde als „Schrott“ befunden und einfach in den Wald zurückgeworfen. Ich versuchte es zeitweilig ohne Musik in den Ohren, aber der Weg war doch recht dröge und ein wenig motivierende, fröhliche Rhythmen ließen einen den Berg einfacher erklimmen. Trotz allem waren wir schon nach einer Stunde bergauf ziemlich aus der Puste. Die Intervalle zwischen den Pausen wurden kürzer, die Pausen selbst ausgedehnter. Ständig stöhnten wir. Kaum hatten wir eine Kurve erreicht, mussten wir feststellen: Es geht weiter bergauf. Übrigens liefen wir nicht wirklich zusammen; unsere Lauftempi sind zu verschieden, wir warteten nur in gewissen Abständen aufeinander. Ich laufe auch lieber allein – niemanden vor oder hinter mir, der Wald für mich allein bzw. später die Berge – herrlich!

Auf dem letzten Part der Strecke sollten uns dann auch noch Matsch und mehrere Treppen die Laune verderben. Etwa zwei der vier Stunden waren zu diesem Zeitpunkt geschafft, ich dachte, wir hätten noch mindestens zwei weitere vor uns. Mit lustigen „Wie-hoch-sind-wir-wohl“-Spielchen vertrieben wir uns während der Verschnaufpausen die Zeit. Eine etwa 30-40 jährige, asiatische Joggerin überholte uns. Natürlich! Ständig starrten wir auf die Bäume und warteten darauf, dass sie kleiner wurden.

Dann trafen wir auf einen alten Opi, fit sah er aus und passend sportlich gekleidet. Wir fragten ihn, wie weit es noch zur Hütte sei. Er scherzte und fragte, ob wir Taschenlampen dabei hätten. Schließlich bekamen wir die aufbauende Antwort „40 Minuten“. Er empfahl uns noch das Dorfkino und ärgerte sich tierisch, dass dieses niemals empfohlen wird.

Endlich erreichten wir die Schneeregion! Glücklicherweise war der Walk frei von Schnee, nur an den Wegesrändern lag er hin und wieder aufgehäuft! Auf 1000 Metern Höhe machten wir unsere erste größere Pause, für etwa 30 Minuten. Ei, Müsliriegel und Apfel dienten als Energielieferanten. Der Weg wurde fortgesetzt – neben uns die Berge mit Schneegipfeln, wir mittendrin bzw. mittendrauf?! Nach nur 15 weiteren Minuten (gegen 17 Uhr) erreichten wir die Hütte! Wie schön sie da vor uns lag. Ein kleiner Jubellaut entwich uns. Dann wurde sich erstmal in die Sonne gesetzt – Anblick genießen. Insgesamt liefen wir fünf Stunden, davon benötigten wir 1,5 Stunden für die Strecke zum Bay, drei Stunden bergauf und eine halbe Stunde Pause – wir gehörten also doch noch in die Sparte der „fitten Wanderer“. Puh!

Auf der Hütte haben 60 Personen Platz – es ist begrenzt, damit der Track in der Saison nicht überfüllt ist. An diesem Abend trafen dort etwa 20 Wanderer ein. Tim, Christian, ein paar weitere Wanderer und ich ließen uns überreden für ein Bier Holz von einem Haufen zum nächsten zu transportieren. Dann wars aber tatsächlich genug Bewegung von dem Tag.

Ein Wanderer aus Amerika (Kalifornien) traf noch ein. Er hatte in den letzten Tagen den gesamten Track absolviert und meinte „man müsse wissen, was man dort tut“ (bezüglich der Lawinengefahr).

Am Abend haben wir noch mit ein paar Deutschen – natürlich war dies mal wieder die größte Gruppe, Karten gespielt. Bis 23 Uhr saßen wir im warmen, halbwegs gemütlichen Gemeinschaftsraum. Dann gings hoch in den Schlafsaal – arschkalt. Ich hatte meinen Schlafsack, eine Decke, mehrere Hosen, mehrere Pullover und meine Jacke übergezogen; dennoch war es recht frisch.

20. Oktober 2011 – Donnerstag

Guten Morgen Wanderhütte! Um sieben Uhr war allgemeine Aufwach- und Aufbruchsstimmung von der auch wir ergriffen wurden. Für diesen Tag war Regen angekündigt. Wir nahmen unser Frühstück ein – das hieß belegtes Toast. Dann marschierten wir fröhlich von dannen.

Bergab war halb so schwer. Nach etwa einer Stunde erreichten wir schon den „Dock Bay“. Dort trafen wir erneut auf unsere lustigen Wanderfreunde, die sich bereits etwas eher auf den Weg gemacht hatten. Mit einer netten Deutschen, die überlegt an die Potsdamer Universität zu gehen, teilte ich mir die eineinhalbstündige Strecke schnatternd zum Parkplatz. Überraschender Weise regnete es nicht. Schönster Himmel – sensationelle Wolken.

Es passierte an diesem Tag nicht mehr viel. Wir wollten in der Stadt essen gehen, stellten aber empört fest, dass die meisten Lokale ihre Türen erst um 17 Uhr öffneten. Wir hatten aber jetzt Hunger! Also wurde eine kleine Imbissbude auserkoren- und ein Burger lieferte die nötige Energie.

Am Abend kam Sandra, eine deutsche Wanderin vom Track vorbei, wir hatten ihr vorgeschlagen, mit ihr in den Geburtstag reinzufeiern – mit ihr gerechnet hatte ich nicht. Sie schien nicht begeistert von der Idee. Plötzlich stand sie mit Pizza und Bier vor uns. Wir gaben noch Lasagne, Wein und Wodka dazu. Luden noch zwei kartenspielende Mädchen vom Nachbartisch ein und los ging die „Party“. Es war doch recht lahm. Wir waren müde. Keine Feierlaune. Die „neuen“ Mädels, Schwedinnen auf Durchreise, sorgten außerdem für die typischen Backpacker-Standardgespräche, die wir erst am Abend zuvor durchgekaut hatten.

Tim holte schließlich das Scrabble-Spiel hervor. Die Stimmung wurde etwas besser, dennoch musste ich mich darauf konzentrieren nicht einzuschlafen. Bis null Uhr hatten wir es geschafft. Es gab ein Geburtstagslied – und beim Namensingsang wurde es plötzlich etwas stiller. Bis zwei Uhr nachts saßen wir noch, haben übers Meditieren und Glücklich-Sein debattiert. Dann klimperten die Augen tatsächlich zu stark und das Bett wurde aufgesucht.

21. Oktober 2011 – Freitag

Schmerzen im Rücken – Muskelkater wohl genannt. Heute geht nicht viel: Internet, Fotos und am Abend das Rugby-Spiel (Spiel um Platz 3 Wales gegen Australien). Graupel am Himmel lassen den Tag nur vor sich hinsiechen. In den nächsten Tagen geht’s auf nach Milford Sound – dann wird wieder gewandert, bis dahin müssen sich die alten Damen und Herren etwas schonen.

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