19. April, Donnerstag
Eröffnungsnacht des Film-Festivals.
Mein Arbeitstag startete gewöhnlich um 9 Uhr. Wir machten eine verlängerte Mittagspause und um 14 Uhr gings zum Kino Como, Chapel corner Toorak Street in South Yarra. Der Eröffnungsfilm dieses Abends war „Fenster zum Sommer“. Der Regisseur Hendrik Handloegten war zu Gast.
Im Kino selbst halfen wir, die mittlerweile 6 Praktikanten des Goethe-Instituts, letzte Vorbereitungen zu treffen. Übrigens arbeiten derzeit 5 Praktikanten in der Kulturabteilung unter der Leitung von Gabi Urban. Ich als einzige gehöre der BKD an.
Wir schmückten das Kino. Kurz vor sechs Uhr, schwangen sich fünf Madels in die Toilette des Kinos. Fertig machen! Abendschön! Leonie hatte mir am Abend zuvor ihr Dirndl gegeben – Premiere für mich. Erstmals in meinem Leben trage ich ein Dirndl und dann so weit entfernt von daheim. Ein witziges Gefühl. Ich wollte es erst nicht tragen, fühlte mich in etwas hineingepresst, aber Leonie und meine derzeitiger Couchsufer waren begeistert. Ich tanzte Polka mit meiner kleinen Verrückten durchs Haus.
Das Dirndl kam bei Gabi und unserer Institutsleiterin so gut an, dass sie spontan beschlossen, ich sei neben Nina (Praktikantin) zweites Blumenmädchen. Als Blumenmädchen hatten wir die reizende Aufgabe den Regisseuren – in meinem Fall Hendrik, in Ninas Fall Leander Haußmann die Blumensträuße zu übergeben. Beide Regisseure gaben sie gleich darauf wieder zu uns zurück – einfach ein wenig unpraktisch so ein Blumenstrauß auf einer Feier.
Den Film selbst konnten wir nicht sehen. Gabi bat uns draußen vor dem Kino zu warten, falls noch Aufgaben anfallen würden. „Wolltet ihr den Film etwa sehen“. Nein, natürlich nicht…
Es gab reichlich Bier und Bretzeln. Leider mussten wir die Bretzeln verteilen. Es blieb keine übrig. Dann kam Sara (weitere Praktikantin), wir verstanden, sie hätte noch eine Bretzel für uns. Freude macht sich breit, wir würden eine zu viert teilen. Beschlossene Sache. Sara fuhr uns dazwischen und meinte „nicht für euch, für Leander ist die Bretzel“. Ja freilich…
Wir nutzten die Zeit während des Kinofilms, uns schonmal mit Sekt zu betrinken.
, als die Leute endlich aus dem Kino strömten. Dann wurde das Tanzbein geschwungen! In meinem Dirndl ging das umso besser! Es lud mich förmlich zum Tanzen ein. Leider war ich anfangs noch die einzige, die sich tatsächlich zur Musik bewegte. Meine Chefin Evi fands prima, dachte sie, sie könnte mich erst piesacken, weil ich nicht tanzen würde, da hatte sie sich getäuscht – als sie kam, rockte ich bereits zu „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael…“.
Später gingen wir raus. Vor die Kinotüren. Viele Raucher unter den Praktikanten.
“. Er lieh sich Tabak von Christina, ließ die Hälfte zu Boden fallen und meinte er könne es sich leisten, er sei ja reich. Bei der Einführung in den Kinofilm hatte im Übrigen sein Handy geklingelt – seine Mutti war dran „Mutti ich bin gerad in Australien und spreche hier vor Leuten“.
Irgendwie und irgendwann beschlossen wir Richtung Chapelstreet zu ziehen – eine Bartour begann. Mit Evi! Evi bedankte sich immer wieder. Meinte es wäre großartig mit uns und so lustig, der Altersunterschied spiele keine Rolle. Ihr Freund sei immerhin schon 53 Jahre alt – ich bin übrigens die jüngste im Praktikanten-Bunde, mit meinen 22 Jahren.
Ich lernte noch einen netten Herrn vom Theater kennen, der mir seine Nummer gab und meinte, er könne mich kostenlos in Vorstellungen führen. Am nächsten Tag erzählte mir meine Kollegin, dass wir diese Theaterleute unterstützen und eh Freikarten bekämen. Immerhin bzw. „fair enough“.
Ich landete gegen vier oder fünf Uhr morgens bei Nina im Hostel. Es war eine lustige Nacht. Eine wunderbare Eröffnungsfeier! Gute Arbeit Mädels! Lange genug haben die Vorbereitungen gedauert…
20. April, Freitag
Schon um 9.15 Uhr standen Nina und ich wieder im Kino auf der Matte. Gute 3,5 Stunden Schlaf. Ich war tierisch im Eimer.
Die Hostelküche war überfüllt mit Menschen. Es gab kaum noch Essen. Also trocken Toast und ein wenig Tee. Dann stiegen wir in die Bahn und wie nicht anders zu erwarten, wurde ich erstmals in der Tram kontrolliert. Freilich hatte ich kein Ticket. Ich hatte meine Mykie-Karte nicht mal dabei, hatte ich doch mein Rucksack im Kino liegen lassen. Der Kontrolleur verlangte nach meinem Ausweis. Ich reichte ihm lediglich meinen Studentenausweis. Er konnte meinen Namen kaum lesen. Fragte nach meiner Adresse, die ich im pflichtbewusst gab (keine wahre Adresse). Er fragte Nina, ob sie diese verifizieren könne. Sie meinte, sie wüsse nicht wo ich wohne. Er fragte mich, ob ich jemanden anrufen könne, der meine Adresse bestätigen könnte „Nein“. Er fragte weiter, wo ich eingestiegen sei – ich wusste es nicht, es war nicht mal gelogen. Der Bahnfahrer half aus. Er fragte weiter, wohin ich gehen wolle: Wieder wusste ich es nicht, ungelogen. Ich hatte schon fast die Befürchtung ich würde eher wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit als wegen Nicht-Zahlung der Ticketgebühr bestraft werden. Letztlich ließ er uns gehen, ohne uns eine Strafe aufzudrücken. Er muss wohl eingesehen haben, dass die Lage aussichtslos ist… Hilfreich zeigte er uns noch den Weg zur nächsten Bahn und gab Auskunft.
An diesem Morgen kamen die Schulklassen, „Lessons of a Dream“ war unsere erste Filmvorführung. Ich und Nina hatten die Ehre in den mit jeweils etwa 150 Leuten besetzten Kinosälen die Einleitung zu geben.
Es ging dann von Kinoseite auch tatsächlich noch was schief: Das Kino behauptete die Eintrittskarten seien auf 11 Dollar und nicht, wie bei uns angegeben 10 Dollar, festgelegt worden. Schließlich legte Joanna für alle Schulen das Geld aus, um am Ende festzustellen, dass das Goethe-Institut im Recht war. Viel Wirbel um nichts. Und das am frühen Morgen!
Nach der Kindervorführung gingen Nina und ich ins Büro. Dort waren hohe Gäste geladen, die Praktikanten durften an der Veranstaltung freilich nicht teilnehmen. Aber sie versprachen uns ein reichliches Reste-Essen! Yummi! Es gab belegte Brote, Sushi. Sara bot mir dann O-Saft an, reichlich durstig griff ich zum Glas, nahm einen großen Schluck und musste feststellen: O-Saft mit Sekt, Sara lachte gehässig! Katertag…
Wir arbeiteten alle ein wenig oder taten jedenfalls so. Nina, ich und Markus saßen vorn im Büro, gackerten eifrig, bis schließlich Katharina, von der Sprachabteilung auch mal an dem Spaß teilhaben wollte. Wir verbrachten den gesamten Nachmittag dort und zogen dann halbwegs geschlossen um 17 Uhr zurück ins Kino. Abendvorstellung von „Men in the City 2“. 45 Minuten vor dem Film hieß es immer: Arbeit am Infostand.
Nina und ich schauten dann den Film und waren überrascht: Die Australier bekamen sich vor lauter Lachen gar nicht mehr ein. Der Film war hier ausverkauft und ein riesen Hit. Tja entweder die waren alle betrunken oder sie fanden den Film wirklich amüsant. Er war gut, keine Frage, aber so witzig. Ihr hättet das Gelächter hören müssen! Ich denke aber, dass wir Deutschen auch kritischer mit eigenen Filmen umgehen, als mit ausländischen. Deutsche sind ja eh für ihre Meckerzyklen bekannt… Warum lachen, wenn man auch meckern kann!? Scherz.
Nach dem Film waren Nina und ich völlig kaputt. Es ging aber weiter zum anderen Kino im CBD. Filmplakate mussten abgegeben werden zum unterzeichnen. Gabi, die Praktikantinnen und Leander waren eingetroffen. Leander gab Q&A zu seinem Film „Robert Zimmermann…wunder sich über die Liebe“. Bereits hier ließ sich das große Talent Leander Haußmanns erkennen. Er brachte das Publikum mit seinem halbdeutsch-halb englischen Sätzen zum Lachen. Hatte wunderbare Kommentare zu seinem Film auf den Lippen, war ehrlich, direkt. Erzählte von den Magersuchtsproblemen der Hauptdarstellerin, meinte, er selbst hätte von einer anderen Dame darauf hingewiesen werden müssen. Außerdem sagte er, mehr als einen Film über die Liebe einer alten Frau zu einem Jungen machen wollte – er wüsste nicht, ob es ihm tatsächlich gelungen sei.
Danach wollte Leander feiern gehen. Also gings in die Stadt. Erstmal mussten wir einen halbwegs leeren Pub finden. Letztlich landeten wir in der Section 8.
Spontan entschieden wir uns weiterzuziehen. Der nächste Anlaufspunkt war die Workshop-Bar.
. Leander gab uns Bier aus und Tequilla. Ein Engländer, der sich an unseren Tisch gesellte, war leider zu aufdringlich. Mobste Leander den Hut, was dieser hasste. Der Regisseur blieb aber ruhig. Gegen ein oder zwei Uhr nahmen wir ein Taxi Richtung Innenstadt.Ich wollte eigentlich Swanston Street aussteigen, bemerkte aber dann, dass der gute Herr nicht wusste, wo sich genau sein Hotel befand. Taxifahrer in Australien haben übrigens selten eine Ahnung, wohin sie fahren müssen… Ich ließ mir sein Notizbuch geben, in das Gabi die Adresse geschrieben hatte – Leander wohnte nicht in der Innenstadt, er wohnte in South Yarra. Christina und ich, die im Taxi saßen, wollten, gegen seinen Willen, sicherstellen, dass er im Hotel ankommt. Ich meinte, ich müsse noch über eine Stunde nach Hause fahren. Da lud er uns ein, bei sich auf der Hotelcouch zu schlafen. Wir nahmen noch ein Bier und ließen und schließlich auf seiner Couch nieder. Mittlerweile war es sicher wieder gegen drei oder vier Uhr früh.
21. April, Samstag
Am nächsten Morgen gings wieder früh raus. Gegen 10 Uhr. Früh im Sinne von „nach wenigen Stunden Schlaf“. Leander besorgte uns Kaffee. Christina und ich machten uns frisch. Wollten noch vor Gabis Ankunft aus dem Hotel verschwunden sein, befürchtete Christina doch den Anschiss ihres Lebens zu bekommen. Wir machten uns also auf den Weg. Unten an der Rezeption aber dann die Überraschung: Gabi war bereits eingetroffen und hatte Leander am Apperat. Christinas erste Reaktion war: Verstecken. Ich blieb stehen. Sie fragte mich „Was machen wir denn jetzt?“ „Hallo sagen?!“. Gabi sah uns und lachte sich kaputt. Wir erzählten ihr vom Ausklang des vorherigen Abends. Sie nahm es uns nicht übel. Freute sich sogar.
Sie lud uns direkt ein mit zum Radio zu kommen. Leander und eine weitere Regisseruin, Alice Gruia von „Rodicas“, wurden interviewt. Ein nettes Interview geführt von Peter Krausz. Wieder erfuhr man einiges über Leander: Die Musik in „Sonnenallee“ sei größtenteils von Cover-Bands, da die eigentlichen Bands kein Copy-Right rausgeben wollten. Während des Interviews trank ich den zweiten Kaffee dieses Tages.
Danach gings – nein nicht nach Hause. Das wäre ja langweilig. Mit dem Riesenkater und der Müdigkeit der letzten zwei Tage ging es – natürlich ins Stadion zum Australian Football. Ich hatte schon vor zwei Wochen Karten mit Freunden für das Spiel Essedon vs. Carlton gekauft. 35 Dollar wollte ich dann nicht zum Fenster rausgeworfen haben. Außerdem genoss ich eine Pause und Abwechslung von den vielen Deutschen, meinen Arbeitskollegen. Auf Dauer wird das doch anstrengend. Also traf ich mich 12:30 Uhr Flinders Street mit Janneke, Mike, Dylan und Ashley. Vor dem Stadion trafen wir noch auf Amandine. Als wir kurze Zeit im Schatten vor dem Stadion auf Amandine warteten, legte ich mich hin und versuchte fünf Minuten Schlaf zu ergattern. Amandine traf ein und meinte nur „You look disgusting“. Danke!
Das Spiel fing 13:45 Uhr an. Mike und ich waren für Carlton – ich aus dem einfachsten Grund: Sie produzieren mein Bier. Janneke und Amandine waren für Essedon: Das hübschere Team. 73.000 Menschen im Stadion. Die Stimmung war gut und erstaunlicherweise auch das Spiel, jedenfalls halbwegs. Es gab, wie immer, vier Quarter. Jeweils eine halbe Stunde. Das Spiel dauerte insgesamt bis kurz nach 16 Uhr an. Zwischendurch fragte ich natürlich: In welcher Hälfte sind wir mittlerweile (sind natürlich Quarter). Ansonsten verlor Carlton haushoch. 79 zu 102 oder so. Bin mir nicht mehr sicher. Komischerweise wurde Essedon mit zunehmendem Vorsprung kämpferischer. Die Fans im Stadion gaben ihr bestes, sangen, klatschten – Jubel! Ich schaffte es sogar, während des Spiels nicht einzuschlafen. War dann doch zu aufregend und die Menschen drumherum zu laut. Dylan, weiterer Veganer, versorgte uns mit Nüssen und Keksen. Er hat immer reichlich zu futtern dabei.
Nach dem Spiel wollte ich nach Hause. Wenigstens mal eine Stunde schlafen und duschen. Ich quetschte mich also in die von Footy-Fans überfüllte Bahn und machte mich auf meinen Weg nach „Mentone“. An der Haustür angekommen, stellte ich fest „keiner Daheim“. Ich wollte meinen Schlüssel herauskramen, da fiel mir ein, dass ich diesen meinem letzten Couchsurfer überlassen hatte – also lag der Schlüssel nun in der Wohnung. Ich rief Leonie an, die riet mir nur, über die hinteren Gartenzäune zu klettern, mein Zimmerfenster wäre offen, ich könnte durchkrabbeln. Gesagt, getan. Ich quetschte mich durch den ersten Zaun und überwältigte zwei weitere. Schließlich krabbelte ich durchs Fenster und öffnete die Fronttür. Endlich drin! Die Aktion hatte mich zu viel Zeit gekostet. Ich hatte nur noch Zeit für eine Dusche und für einen kleinen Snack. Dann gings wieder zur Arbeit: Das Kino wartete.
An diesem Abend lief Hotel Lux. Ich hatte den Infostand vor Filmbeginn zu überwachen. Leonie und Moritz kamen vorbei, um sich den Film anzusehen.
Die Q&As liefen ganz gut. Leander beklagte sich etwas zu viel über das Internet und die verheerenden Auswirkungen auf das Filmgeschäft. Meinte, kein Film sei gut gelaufen in den Deutschen Kinos im letzten Jahr. Meinte außerdem die Leute meinen, sie hätten genug zu diesem Thema gesehen und wüssten alles. Außerdem kam die Frage auf, ob nicht auch er demnächst auf 3D-Filme umsteigen würde – die kann man schließlich nicht im Internet runterladen und zu Hause anschauen. Er meinte daraufhin, er hätte sich einen 3D-TV geholt und fände es Schrott. Er meinte, es gäbe mittlerweile Statistiken, die belegen, dass keiner an 3D interessiert sei. Nicht mal kleine Kinder! Die sind eher themenfixiert. Und: Wenn man mit seinem Date zum ersten Mal ausgeht und sich so einen Kinofilm raussucht – wie bescheuert sieht das dann aus mit der Brille? Dreht man sich dann um und nimmt die Brille vorher ab? Oder lässt man sie auf und sieht bescheuert aus? Beim Kuss?
An diesem Abend ging ich mit Nina in einen anderen Irish Pub, trafen dort auf Mike und Freunde. Ich nahm nur Tee. War etwas angeschlagen von den letzten Tagen. Schließlich gingen Mike und ich noch ins Casino zum Essen, trafen dort zufällig auf weitere bekannte Gesichter. Wir spazierten zur Flinders Street Station zurück und ich erkundigte mich nach der Uhrzeit „Halb vier“. Ich fiel aus allen Wolken. Mein Zeitgefühl war komplett verloren, hatte ich doch tatsächlich angenommen, es wäre gegen ein Uhr. Ich schnappte also den vier Uhr Bus Richtung Frankston. Wieder ein Genuss. Wie immer. Ein Mädel am Schlafen, eins mit einem Mülleimer vor dem Gesicht… Ein Kerl stupste mich ständig an, sprach schließlich mit mir. Meine Ignoranz-Versuche blieben unbeachtet, ums anders zu sagen: ignoriert. Ich verpasste freilich meine Busstation. Lief zum Fahrer bat ihn an der Seite zu halten. Lief zu meiner eigentlich Station zurück und natürlich: Hagelregen. Plötzlich war ich platschnass. Ich bog eine Straße zu früh ein, verlief mich und war schon kurz davor mich in irgendeine Garage zu legen. Ich rannte weiter und gegen fünf Uhr hatte auch ich es ins Bett geschafft. Augen zu!
22. April, Sonntag
Ich wachte gegen um 13 Uhr auf und machte mich direkt fertig fürs Kino. Infostand im Kino Kino betreuen.
Zunächst fuhr ich also ins Kino Kino im CBD – „A family of three“.
Danach sollte „Rodicas“ von Gruia laufen, zu wenig Karten waren verkauft. 12 an der Zahl. Zwei Stunden vorher machte die Leiterin der Kulturabteilung Dampf: Ladet jeden ein, den ihr kennt! Letztlich bekamen wir noch etwa 50 Leute zusammen. Gruia war bei der Vorführung und gab Q&A. Eine Dokumentation über zwei alte Damen, eine ihre Großmutter, namens Rodica und deren beste Freundin, ebenfalls „Rodica“. Eine herrliche Doku! Viel gelacht, sehr sentimental und anrührend. Die beste Freundin ist leider im vergangenem Jahr gestorben und hat den Film nie zu sehen bekommen. Die Großmutter wird ihn am Sonntag zum ersten Mal in Sydney sehen. Der Film wurde im Übrigen in Sydney gedreht. Es ist das Erstwerk von Gruia. Es werden sicher weitere Werke folgen. Auch sie hat eine Schauspielausbildung gemacht, findet es aber hart, stets auf neue Aufträge zu warten. Als Regisseurin hat man eher die Kontrolle. Leander meinte dazu nur, dass man sich entscheiden muss, ob man lieber vor oder hinter der Kamera steht, wenn man sich einmal fürs Filmen entschieden hat, wird man nicht zurückkehren können bzw. wird man keinen guten Job als Schauspieler mehr machen können. Er kenne nur seltene Ausnahmen. Sie hofft, sie sei eine Ausnahme. Wir werden sehen…
Dann gings zum Infostand vor der Vorführung „Combat Girls“ ins Como Kino um 20:15 Uhr. Ich hatte Janneke und Mike hinzu geladen. Combat Girls „Kriegerin“ ist ein Film über ein Mädchen aus der Rechten Szene, sie möchte die Nazi-Szene verlassen. Der Film spielt in Deutschland. Nach der Vorführung gab es noch eine Q&A, zu der ich nicht mehr bleiben wollte. Ich überließ das Geschnatter Janneke und Mike. Ich zog mit meinen Praktikanten-Mädels und den zwei Regisseuren los. Es ging in einen nahegelegenen Irish-Pub. Endlich lernte ich auch mal Hendrik Handloegten kennen. Ein äußerst trocken-humorischer Mensch. Herrlich! Ich darf etwas gerührt berichten, dass die Herren mich doch sehr amüsant fanden und damit begannen, meine Sätze niederschreiben zu wollen J. Sie meinten, sie würden sich in uns Mädels verlieben. Tja wir sind ne spitzen Truppe oder die einfach schon zu angetrunken. Wer weiß es wohl? Erstmals seit Jahren sprach ich mal wieder über meine Prüfung an der Theaterschule und über die Schauspielerei als Beruf. Meine Vergangenheit kommt mir wirklich vergangen vor, wenn dieser Satz Sinn macht…
Als Gabi, die Chefin der Kultur, gegen zwölf Uhr kam, wollten wir eigentlich aufbrechen. Die Jungs und unsere Chefin überredeten uns zu bleiben. Zwei weitere Runden Bier wurden ausgegeben. Ein gemütlicher und vor allem witziger Abend! Leider werde ich Hendriks Film „Fenster zum Sommer“ nicht mehr zu Gesicht bekommen, es war der Film der Eröffnungsnacht. Ich beichtete ihm, seinen Film nicht gesehen zu haben, weil wir Aufgaben während der Eröffnungsnacht zu erledigen hatten. Er war etwas verwundert – wie wir damals. Ich werde dem Film in Deutschland aber eine weitere Chance geben!
Ich übernachtete in dieser Nacht wieder bei Nina im Hostel. Bettchen teilen!
24. April, Montag
Früh gings raus. Die Büroarbeit rief. Um kurz vor neun kam ich im Büro an. Stand natürlich vor verschlossenen Türen. Die erste Mitarbeiterin kam um neun Uhr.
Hugh, unser einziger australischer Mitarbeiter und Rezeptionist, rief kurz vor zehn Uhr an, er käme an diesem Tag nicht, er sei krank. Ich verschickte die Mail an alle GI-Mitarbeiter und hörte Katharina aus der Sprachenabteilung nur schreien „Das macht der jedes Jahr. Ich glaubs ja nicht“. Jedes Mal um Feiertage (am Mittwoch ist ANZAC Day) macht er das! Ich musste ihr recht geben, zu Ostern war er bereits krank… Er klang nicht krank am Telefon.
Ich hatte also den ganzen Tag vorn am Empfang zu sitzen. Nicht schlimm. Ich war nicht zu viel Arbeit fähig. Kümmerte mich um Copy-Rights für Aufgaben der Posterausstellung, bereitete den Sektempfang am Abend vor und begrüßte zwei ehemalige Praktikanten. Kleinere Tätigkeiten. Am Nachmittag kamen dann noch zwei junge Herren in Zunftskleidung vorbei – lieferten ihren Spruch ab und bekamen dankbar Freikarten für die Filmvorführung am Abend.
Am Abend lief „Sonnenallee“. Ich lud erneut Mike ein, der dankbar zum Kino kam. Heute mal ein „ernster“ Film! Im Anschluss genossen wir noch ein ausgiebiges Mahl: Knoblauchbrot als Vorspeise, Pizza und Salat zum Nachtisch! Dazu reichlich Tee. Er lud mich ein, als Dank für die Kinovorführungen. Ich erklärte ihm noch ein paar Insiderwitze der Filme – er hatte den Großteil der Witze nicht verstanden/verstehen können. Gegen 22 Uhr bekam ich gerade noch meine Bahn nach Frankston. Den nächsten Tag hatte ich mir spontan frei genommen. Ich musste mal ausschlafen!
An diesem Abend fuhr im Übrigen Hendrik, der Regisseur, ab. Er beschwerte sich noch, nicht wie Leander Businessclass fliegen zu können. Beim nächsten Mal dann…
25. April, Dienstag
Um neun Uhr läutete mein Telefon: Die Arbeit am Apparat, sie brauchten Passwörter! Hervorragend. War ich also wach. Ich machte mir einen ruhigen Morgen. Eigentlich sollte ich um 12:30 Uhr in der Stadt an einer Schule arbeiten, ich verschob meine erste Schicht auf Donnerstag.
Am Nachmittag machte ich mich auf ins Büro. Holte meine Kolleginnen ab und machte mich mit ihnen auf den Weg ins Kino Como. Erstmal brauchte ich festes Schuhwerk – Dauerregen und ich hatte mein einziges Paar geschlossener Schuhe im Kino stehen. Dann begleitete mich Nina zum CS-Treffen. Ich hatte an diesem Tag nur Kekse und Cracker gegessen, nach nur wenigen Bieren war ich betrunken.
Meine Evi bat mich aber, ins Kino zur „Hotel Lux“ Vorführung zu kommen, um sicher zu stellen, dass das Licht (wie bei der vorherigen Veranstaltung) nicht vor Filmende (nach Abspann letzter Witz) anginge. Das brachte Leander beim letzten Mal ein wenig in Rage. Außerdem sollte ich Beistand aus erster Reihe leisten. Hatte ich doch dafür gesorgt, dass sie diesen Job macht/machen muss – hatte sie bei einer MAB vorgeschlagen.
Also machte ich mich angetrunken – Leonie wollte mich schon nicht mehr gehen lassen, andere lachten nur, weil ich kein Geld bezahlt bekomme – auf den Weg ins Kino Kino im CDB. Ich sprach auf den Filmvorführer ein, der tatsächlich nicht das Licht vor Abspann-Ende einschaltete
Am Abend erhielt ich noch ein merkwürdiges, ich nenns mal, Kompliment „Mich würde interessieren, welchen Typen du mal bekommst; Nein anders: welchen Typen du dir mal nimmst“ (Leander). Als ich dies meiner Kollegin erzählte, stimmte sie nur zu. Gut, gut.
Nach der Vorführung und den gut laufenden Q&As gings ins „Supper In“ in der Spring Street. Ziemlich fancy. Ein Bier bekamen wir spendiert. König Pilsner. Ewig nicht getrunken.
Ich zog allein weiter zum Geburtstag meiner Freundin Janneke. 25 wurde die Gute. Gegen um drei Uhr früh stieß ich zur „K-Box“ Karaoke Bar dazu. Die kleine Truppe war schon gut angetütert und ordentlich am Feiern. Wir wollten zu weiteren Pubs ziehen, jedoch hatte alles geschlossen. Also gings zu Mike in die Wohnung. Er lebte im 24. Stock – großartige Sicht auf die Stadt. Ich ließ mich auf einem Stuhl nieder und starrte aus dem Fenster. Letztlich bekamen wir 1,5 Stunden Schlaf (3 Mädels – Rachel, Janneke und ich) im Bett, bevor wir uns zur ANZAC-Day Zeremonie aufmachten.
ZU ANZAC-Day: „Der ANZAC Day (Akronym für Australian and New Zealand Army Corps) am 25. April ist ein Nationalfeiertag in Australien, Neuseeland und Tonga. Der 25. April 1915 ist der Jahrestag der ersten Militäraktion von australischen und neuseeländischen Truppen sowie Soldaten aus Tonga im Ersten Weltkrieg – der Landung auf Gallipoli (Türkei). Die Schlacht von Gallipoli führte zu erheblichen Verlusten unter den australischen, neuseeländischen und tongaischen Soldaten, die in einer Streitmacht geführt wurden.“
Bei strömendem Regen machten wir uns auf Richtung St.Kilda Road, wo die Zeremonie stattfinden sollte. Wir hatten eine Decke um uns viere geschnallt. Irgendwer meinte doch tatsächlich, es könne anfangen zu schneien. Da musste ich dann doch auflachen: Es fühlte sich zwar bitterkalt an, aber es waren mit Sicherheit über 10 Grad. Herrlich!
Ich konnte kaum meine Augen aufhalten während der Zeremonie. Eher motorisch ging ich zur Flinders Street zurück. Kurz vor Mentone wachte ich auf. Noch immer klitschnass. Um 8 Uhr kam ich daheim an und wollte nur ins Bett: Doch Überraschung, da lag schon jemand. Leonies bester Freund hatte es sich bei mir gemütlich gemacht. Es tat mir wirklich leid, aber an diesem Tag brauchte ich mein Bett. Er bat von selbst an, mein Bett zu verlassen und auf der Couch weiter zu schlafen. Ich war dankbar. Wenigstens war das Bett schon angewärmt.
Dies war also der letzte Tag mit den Regisseuren. Auch Leander ist nun weg. Er rief am Donnerstag nochmals an: Wir sollen nicht weinen, er vermisse uns auch.























































